Der zweite Tag Pilgern. Die zweite Etappe führt uns heute nach El Cubo de la Tierra del Vino, oder El Cubo del Vino wie die Einheimischen sagen. Auf diese Etappe war ich besonders gespannt. Zum Einen weil dies vor vier Jahren meine erste Etappe war und ich aus dem Nichts so dermaßen nass wurde, so dass ich einschliesslich meinem Reiseführer nachmittags alles in die pralle Sonne zum Trocknen legen musste. Zum Anderen weil ich in El Cubo auf einem Bauernhof einen sehr liebenswerten Aufenthalt hatte. Auch diesmal sollte es dort hingehen. Was mich im Vorfeld wunderte: Meine Kreditkarte wurde gleich bei Buchung ohne Stornierungsmöglichkeit belastet. Das kannte ich bisher von diesem Bauernehepaar nicht. Oder wie Eva trocken kommentierte: Vor vier Jahren war ich 12 Jahre alt. Na dann.
Die zweite Etappe beginnt dann doch mal planmäßig kurz nach 9 Uhr. Diese ist dann mit 20 km noch einmal 5 km länger als die am ersten Tag. Und das, nachdem wir am ersten Tag alle Anfängerfehler auf einmal eingelöst haben: zu schnell, zu wenig Pausen und Rucksack nicht richtig aufgesetzt. Entsprechend schmerzhaft ist dann diese Etappe verlaufen. Erst melden sich Knie und Hüfte und dann machen im Verlauf die Füße noch Ärger. Und da die erste Etappe sprichwörtlich noch in den Knochen sitzt, will die zweite Etappe nicht so richtig in Schwung kommen.
Da wir in einer einfachen Pilgerherberge übernachtet haben, dürfen wir uns das Frühstück selber machen. Das fängt schon mal mit dem Kaffeeautomaten gut an, in dem der Kaffee vom Vortag centimeterhoch steht und der Dauerfilter nicht gereinigt wurde. Aber kein Problem. Bevor ich ohne Kaffee und Frühstück auf die Piste gehe, wird besser erst einmal die Küche auf Vordermann gebracht. Zum Glück ist alles vorhanden und die Mitpilgerin weist uns kurz in die Gepflogenheiten des Hauses ein. Dazu gehört natürlich auch das Abspülen. Nachdem wir alles aufgeklart und gepackt haben, verschließen wir die Herberge von außen und schmeißen den Schlüssel nach innen über das Tor.
Und dann geht es auf die Piste bei frischen 8 Grad Celsius, aber wolkenlosem Himmel.

Es erwartet uns ein Blick über Felder in die Unendlichkeit, nur ein grader Feldweg mit rotem Lehmsand bedeckt ist zu sehen, der uns vermeintlich bis zum Horizont führt. Das tut er natürlich nicht, sondern geleitet uns nach ca. 2 km entlang der neuen Autobahn, die in etwa dem Verlauf der alten N630 entspricht. Ein Tribut an die neue Zeit. Die Via de la Plata – der sogenannte Silberweg – war in den Jahrhunderten vor uns eine bedeutende Handelsstraße von Sevilla in den Norden und für die Römer eine nicht weniger wichtige Route für den Nachschub von Kriegsmaterial zur Befreiung Spaniens von den Arabern. Da bleibt es nicht aus, dass dieser Weg heute der Route einer Autobahn entspricht.
Mit jedem Kilometer meldet sich die erste Etappe wieder, es wird zäh, ob die Knochen das durchhalten? Schon meldet sich nach 9 km der linke Innenminiskus, hatte schon viele Jahre nicht mehr das Vergnügen. Aber jetzt zur Unzeit muss sich das Ding melden. Da hilft nur eins. Das Tempo drosseln und kontrolliert in den Schmerz hineinlaufen. Nach weiteren 3 km war der Minskus auch nicht mehr zu spüren. Dafür die Füße an Stellen, die bisher eigentlich kein Problem darstellten. Und Eva, fünf Meter hinter mir, wurde ab Kilometer 10 auch immer langsamer…na, das kann ja noch heiter werden. Zum Glück ist zu keinem Zeitpunkt mit Regen zu rechnen. Das bleibt einem dann doch erspart.
Nach langen 5,5 Stunden kommen wir dann doch ans Ziel.

Zu unserer Überraschung übernachten wir heute nicht auf dem Bauernhof selbst. Der Herbergsvater hat wohl sein Geschäft erweitert und ein 100m entferntes Wohnhaus für eine Herbergserweiterung umgebaut. Auch wurde nicht wie sonst nach Ankunft der obligate Weißwein aus der Region nebst landestypischem Hartkäse gereicht. Na gut. Dafür habe ich es gerade noch geschafft, die Unterkunft Richtung Supermarkt zu verlassen. Vor dem Haus wird die Straße neu geteert, ohne dass eine Ausweichmöglichkeit besteht. Mit einem mutigen Satz kannn ich gerade noch vom Grundstück auf den ungeteerten Teil springen.
Nach dem Einkauf für die nächsten zwei Tage – bis Zamora ist dies die letzte Einkaufsmöflichgkeit – geht es in die Bar Hermandez. Eine so typische Bar für diese Gegend, genial. Zwar nicht so sauber wie in Nordeuropa, dafür ein Original. Hier kommen die Dorfbewohner abwechselnd zusammen, um bei einem Bier oder einem Kaffee das Neueste auszutauschen. Unschlagbar auch die Preisgestaltung. Ein Milchkaffee und zwei Bier = 3 Euro. Läuft.
Zurück zur Unterkunft. Obwohl ich der Teermaschine viel Zeit gelassen habe, war die doch nur bis zur nächsten Straßeneinmündung vorgedrungen. Ein Spektakel, das die Anwohner mit Argwohn betrachten. So muss ich die halbe Ausfallstraße zurück Richtung Ortseingang, um von hinten in meine Straße mit dem nun schon erkalteten Teer zu gelangen.
Versöhnlich wird es dann doch noch zum Abendessen. Die anwesenden Pilger versammeln sich in der guten Stube und die Bäuerin hat wieder ein sehr schmackhaftes Essen auf den Tisch gezaubert. Eine herzhafte Fischsuppe gefolgt von eingelegtem Tomatensalat und geschmorten Hähnchenkeulen. Genial. Dazu ein super Weißwein aus der Region. Am Tisch findet sich auch die Mitpilgerin ein, die wir am Vortag in Calzada kennenlernten. Dazu ein kanadisches Ehepaar, die seit Sevilla auf dieser Route unterwegs sind und so wie wir in spätestens drei Wochen Santiago erreichen wollen, aber über den mozzarabischen Teil der Via de la Plata — also die harte Tour.
Nach einem regen Austausch gehen wir in unsere Auslagerung zurück. Wir brauchen heute mal mehr Schlaf und Regeneratioszeit. Das Frühstück wird auf 08.30 Uhr nach hinten verschoben. Wir haben am nächsten Tag sozusagen nur eine halbe Etappe vor uns. Und auf besonderen Wunsch einer einzelnen Dame lassen wir den Plan fallen, wieder in eine – diesmal noch einfachere – Herberge zu gehen. Es wird Zeit, wieder ein eigenes Bad zu bekommen…