Das Aufstehen ist mal wieder eine Hürde. Als Papa schon um 6:50 Uhr aufsteht, schlafe ich noch. Um Viertel nach sieben kriege ich ein scharfes „Willst du nicht mal aufstehen?!“ zu hören, drehe mich nochmal im Bett um und frage, ob er gestern nicht gesagt habe, wir können uns Zeit lassen, da diese Unterkunft Frühstück anbietet und wir die Unterkunft im nächsten Zielort schon reserviert haben. Ja, aber er habe auch gesagt, wir würden um halb acht essen gehen. Na super.
Um ca. 7:40 Uhr sind wir dann beim Frühstück. Ich bin erschrocken, wie viele Pilger hier sind… und wie dreist sie über das Rührei herfallen. Es ist grade eine neue Portion aus der Küche eingetroffen und schon ist sie wieder leer. Das Ding dabei ist: Es haben sich nur zwei Leute Rührei aufgetan. Ich bin eigentlich immer noch am Schlafen und bekomme nicht wirklich etwas mit, zumal ich in der Ecke mit dem Rücken zum Rest der Pilger sitze.
Um 8:45 Uhr verlassen wir die Unterkunft und wollen grade los, als uns ein Mann (vermutlich ein Lehrer), der beim Frühstück volle Kanne mit den Händen in den Käse gegriffen hat, nach dem Weg auf dem Camino fragt. Als ob um ihn herum nicht 15 Pfeile und Muscheln wären, die ihm die Richtung zeigen. Unsere Etappe heute starten wir ungefähr wie Rocky; mit einer elend langen Treppe, die kein Ende zu nehmen scheint und danach, zwar ohne Stufen, aber immer noch sehr steil, weiter bergauf in die Altstadt von Sarria geht.

Wir verabschieden uns von Sarria oberhalb der Innenstadt mit einem Blick über die Stadt.

Wir geraten in einen Strom voller Pilger, die sehr multitaskingfähig sind. Gleichzeitig laut tratschen und meditieren – so etwas könnte ich auch gerne. Es sind Pilger, die gar keine sind. Und irgendwie laufen die hier komischerweise alle ohne Rucksack herum. So wie wir – mit vollem Gepäck – ist nach erstem Anschein eine Minderheit von rd. 10% der Pilger unterwegs.
Schon seit Astorga fallen mir in unseren Unterkünften immer wieder große Koffer-Sammlungen auf, die einfach wahllos in den Eingangsbereichen der Unterkünfte stehen. Papa erklärt mir warum. Es gibt Menschen, die im Rahmen einer kommerziell organisierten Reise hier auf dem Jakobsweg unterwegs sind und sich die Koffer mit einem Koffertaxi von Ort zu Ort fahren lassen, während sie selber mit einem kleinen Day-Pack die Etappe hinter sich bringen. Die Koffertaxi fahren zu den jeweils möglichen Zwischenstopps mit. Wenn es diesen Wanderern zu anstrengend wird, steigen sie auf den Bus um und am Ende kriegen sie trotzdem noch das begehrte Pilgerzertifikat, die sog. Compostela. Ich nenne das Cheaten.
Aber zurück zu unserer 22,7 km langen Etappe. Zwischenzeitlich treffen wir auf ein bekanntes Gesicht: ein Mann, der in Astorga beim Frühstück hinter uns saß. Später grüßt mich unsere verwirrte Mitreisende aus dem Bus nach Sarria. Bei km 14,6 passieren wir den 100-km-Wegstein (noch 100 km bis Santiago), der heute auch an der richtigen Stelle steht. Bis vor ein paar Jahren stand er ca. 3 km weiter zurück. Aber das ist eine andere Geschichte, die Papa besser kennt.

Die Etappe geht sehr auf die Knie, es geht immer wieder rauf und runter. Nach Auswertung der GPS-Daten liegt der durchschnittliche Höhenunterschied bei 424 m. Zuletzt, kurz vor Portomarín, gehen wir einen „Hügel“ herunter, in dessen Mitte ich Pause machen muss, weil mir meine Gelenke so weh tun. Wo das Gefälle 100% beträgt, ist schlecht laufen… Die Etappe kommt mir irgendwie kürzer vor als sie ist. Zumindest so lange, bis wir in Portomarín ankommen und ich all meine Knochen und Muskeln spüre. Und schon wieder eine Treppe am Eingang der Stadt, es nimmt kein Ende. Zum Glück liegt unsere Unterkunft 100 m hinter der Treppe.

Die Unterkunft ist sehr schön und die Servicekräfte nett. Wir haben zwar nur einen Mitarbeiter kennengelernt, aber der ist trotzdem nett. Nachdem wir in einem Supermarkt Wasser für den nächsten Tag kaufen, gehen wir essen. Schon wieder Italienisch… auf den besonderen Wunsch einer einzelnen Dame, das gebe ich zu. Aber mir fehlen hier in Spanien einfach meine Nudeln.
Morgen geht es auf eine 25 km lange Etappe, die es in sich haben soll. Papa meint, es sei auf unserer Reise die schwierigste zu überbrückende Distanz. Ob wir das schaffen? Ich bleibe skeptisch, zumal mit 80% Regenwahrscheinlichkeit für Samstag das Laufen alles andere als attraktiv werden könnte.
Was gibt es zu unserem Etappenziel Portomarín noch zu sagen? Es ist eine Stadt aus der Retorte. Eigentlich ist sie untergegangen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im benachbarten Stausee. Einen großen Teil der Stadt hat man seinerzeit Stein für Stein abgetragen und originalgetreu in der heutigen Hanglage oberhalb des Stausees wieder aufgebaut. Und ich hatte Papa beim Überqueren der großen Brücke über den aufgestauten Miño

noch gefragt, was das für komische Steintürme sind, die da aus dem Wasser ragen. Da derzeit Niedrigwasser herrscht, sind einige Ruinenreste des ehemaligen Portomaríns zu sehen.
Heute lebt die Stadt hauptsächlich vom Tourismus, insbesondere von pilgernden Touristen, was die große Dichte von Herbergen, Pensionen und Restaurants auf kleiner Fläche erklärt. Eine Besonderheit in Portomarín ist der Orujo. Das ist ein Tresterbrand, der angeblich hier seinen Ursprung hat und für Galicien sehr bekannt ist. Es gibt verschiedene Varianten vom Orujo. Die bernsteinfarbene Variante entsteht nach zweijähriger Reife in einem Eichenfass.

Zu seinen Ehren veranstaltet Portomarín einmal jährlich ein Schnapsfest ausgerechnet am Ostersonntag. Dann wird tatsächlich um die Wette destilliert. Papa hat sich nach längerer und abgewogener Diskussion breitschlagen lassen, so ein ortstypisches Exponat zu kosten, rein aus kulturellen Gründen wie er sagt, eigentlich hasst er Alkohol, wie ja alle wissen.