So, jetzt kommt die Etappe mit den 25 km nach Palas de Rei. Das dritte mal gehe ich diese schon. Es ist ein Abschnitt, der zum Ende hin scheinbar nie aufhören will, die letzten Kilometer werden zäh und schleppen sich ohne Sinn dahin. Jedenfalls war das bisher so. Und für heute war auch noch Regen angesagt.
Erfreulicherweise ist der Regen ausgeblieben. Als wir uns zum Sonnenaufgang um 08.45 Uhr auf den Weg machen, ist es zwar bewölkt, es weht aber ein milder Wind bei jetzt schon 20°C. Da können wir vorerst die Regenausrüstung im Rucksack lassen.
Um uns herum quillt es nur so aus den Häusern. Aus allen Richtungen und Ecken Portomaríns machen sich Pilger auf den Weg. In dem kleinen Waldstück am Rande von Portomarín, in dem es gleich 15 Minuten steil bergauf geht, rauschen Massen an uns vorbei, der kleine Weg kann stellenweise nicht alle Pilger gleichzeitig fassen. Die ersten stehen schon am Wegesrand, um sich umzuziehen, klassische Fehleinschätzung zur Ausrüstung bei der Wetterlage und dem zu bewältigenden Höhenprofil. Von hinten klingeln uns zu allem Überfluss die Fahrradpilger an, so als hätten diese Vorfahrt und die Fußpilger müssten sofort zur Seite springen. Hier ist nur kein Platz. Gut, man könnte sich noch die Böschung runterschmeißen…
Es geht zu wie in einer Uni-Großstadt mit vielen Fahrradfahrern, in der Fußgänger oftmals gefährlich leben, da die Fahhradfahrer keine Rücksicht auf diese nehmen. Was das hier mit besinnlich-andächtiger Pilgerschaft zu tun hat, ist mehr als fraglich. Jedes Mal, wenn eine Fahrradklingel hinter einem >Ping< macht, schreckt man unwillkürlich zusammen. Es fehlen nur noch die Pferdepilger, die habe ich diesmal noch nicht gesichtet.
Und wo sind die gemeinen Fußpilger geblieben? Die Massen um uns herum, sind alles andere als normale Fußpilger. Noch weniger als gestern haben einen Rucksack auf dem Rücken. Ganze Busladungen trollen sich hier im Wald bei Portomarín den Berg hoch. Ich nenne sie ab sofort die KoPis (Koffertaxi- Pilger). Diese hier sind aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem ehemaligen Great Britain und Irland. Alles überwiegend englischsprachige KoPis. Anders als in den Vorjahren treffen wir kaum deutsche Pilger. Seltsam. Alles anders diesmal.
Es stellt sich auch die Frage, was die hier machen? Wandern können sie auch woanders, im Teutoburger Wald zum Beispiel. Dort können sie zu Hermann dem Cherusker pilgern (oder Armin, wie er richtig heißt, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte).
Es dauert über zwei Stunden, bis sich das Feld auseinanderzieht.

Die Radpilger sind >Gott sei Dank!< aufgrund ihrer Geschwindigkeit schnell weg. Die ganzen KoPis rennen so dermaßen schnell den Berg hoch, dass sie im nächsten Café einkehren müssen, um den Kreislauf abzukühlen und ein paar Donuts einzuschieben. Da können wir dann locker vorbeiziehen. Wir erinnern uns: Die Letzten werden die Ersten sein.
Bei km 8 in Gonzar legen wir unsere erste große Pause ein. Eva stärkt sich mit einem Schokocroissant. Damit ist sie, wie sich kurz darauf zeigt, eindeutig im Vorteil. Beim anschließenden steilen Anstieg auf Hospital da Cruz (km 12) zieht sie locker an mir vorbei, irgendwann habe ich sie aus dem Blick verloren. Das kann ja noch heiter werden. Morgen bekomme ich auch ein Schokocroissant….
Unterwegs müssen wir den einen oder anderen Pilger wieder einfangen. Einige laufen hartnäckig an den deutlich sichtbaren gelben Pfeilen vorbei. Andere rufen diesen hinterher: viel Spaß in Madrid.
Im zweiten Teil der Etappe tritt der eingangs erwähnte Effekt ein. Es zieht sich. Auch wenn wir noch Pausen einlegen. Es wird zäh. Gut, dass das Wetter hält. Es hat sich weiter aufgeklart, ab Mittag kommt sogar die Sonne raus, die Temperaturen klettern auf 24° C.

Nach langen 7 Stunden und 30 Minuten für 23,1 km kommen wir dann endlich in Palas de Rei an unserer Unterkunft an.
Über Palas de Rei lässt sich nicht viel berichten. Es ist ein Ort mit knapp 3.500 Einwohnern. Der Name deutet auf einen Königspalast hin, wobei nicht überliefert ist, ob es diesen an dieser Stelle je gegeben hat.
Nach einer Erstversorgung konzentrieren wir uns dann schon gleich auf die Vorbereitung der nächsten Etappe nach Melide am Sonntag. Diese Etappe ist zwar mit 16 km kürzer als die letzten beiden, aber nun soll es doch sehr nass werden – während ich dies schreibe, hat es draußen schon angefangen zu regnen und zu gewittern. Ggf. müssen wir morgen später losgehen in der Hoffnung, dass der Regen irgendwann nachlässt. Dennoch wollen wir deutlich vor 18 Uhr dort eintreffen, um die Wahlberichterstattung zur historischen Bayernwahl zu verfolgen. Das wollen wir doch nicht verpassen und live erleben, wie diese Helden einer bayrischen Regionalpartei mit bundespolitischem Anspruch mit großer Wahrscheinlichkeit abgewählt werden. Das dürfte einen Einschnitt in der bundesdeutschen Parteiengeschichte markieren. Das wird ein Spaß.
Und danach geht es in eine der besten Pulperias ganz Spaniens. Genau, diese befindet sich hier in Melide/Galicien 🙂