Noch 52,5 km bis Santiago de Compostela. Einschließlich heute noch drei Tage bis zu einer der drei bedeutendsten Wallfahrtsstätten der Christenheit. Eine leichte Anspannung macht sich breit.
Noch müssen wir uns aber durch das Wetter kämpfen. In der Nacht hatte es wieder heftig geregnet und jetzt während des Frühstücks sieht es nicht sehr heimelig draußen aus. Der Regenradar für diesen Vormittag verheißt nichts Gutes.

Wir beschließen, länger zu frühstücken. Für den späten Vormittag soll sich das Wetter etwas beruhigen. Das beschert uns dann gleich die ganze Aufmerksamkeit des Oberkellners. Ein paar Brocken Deutsch kann er auch, wobei er zunächst meinte, ob wir Spanier sind. Unsere Konversation auf Spanisch hat uns vorab nicht verraten. Umso überraschter war er, dass wir aus Deutschland kommen. Ab diesem Zeitpunkt versucht er, uns länger beim Frühstück zu halten und fährt jegliche Kaffeespezialität auf, die die Küche hergibt. Wenn wir nicht schon satt wären, dann hätte er uns noch mehr kredenzt.
So kommen wir heute erst um kurz nach 10 Uhr recht spät auf den Camino. Nachdem wir rd. 1,5 km vom östlichen bis zum westlichen Ortsrand von Melide laufen, gehen wir beim Wegstein 51,629 km auf die Piste.


Uns erfasst gleich der ganze Zauber des Caminos. Wir sind fast allein unterwegs. Außer den Vögeln, den Tieren auf den Bauernhöfen und einem gelegentlichen Pilger, der an uns vorbeizieht, hören wir nichts…Wie bereits am Vortag macht sich eine atemberaubende Stille breit. Die KoPis scheinen vollständig verschwunden, wahrscheinlich hat der zweite Regentag in Folge ihnen den Garaus gemacht.
Irgendwo in einem Waldstück laufen wir am 50-km-Wegstein vorbei, nehmen diesen aber nicht bewusst wahr. Es geht meditierend vorwärts. Der späte Start heute war goldrichtig. Die meisten Pilger sind vor uns unterwegs und wie angekündigt, klart das Wetter schon bei km 5 leicht auf. Wir legen unsere große Pause in Castañeda bei km 6,3 ein und für einen Augenblick sehen wir die Sonne.

Auch wenn dieser Abschnitt mit 12,6 km recht kurz ist, glänzt er mit einem ausgeprägten Höhenprofil. Wir müssen gerade im zweiten Teil nach der Pause steile und lange Anstiege bewältigen. Oben angekommen geht es auch schon wieder bergab. Es festigt sich der Eindruck, dass jedem Abstieg ein gleich großer Anstieg folgt. Ein ewiger Kreislauf. Die Knie freuen sich.
Kurz vor Arzúa kommen wir durch das idyllische Ribadiso da Baixo und machen noch einmal kurz Rast. Zwischenzeitlich konnten wir die Regenausrüstung wieder verstauen. Der Wettergott ist gnädig mit uns.


Gegen 14:15 Uhr erreichen wir den Ortsanfang von Arzúa und laufen noch rd. einen Kilometer durch den Ort,

bis wir um 14:30 Uhr nach 12,59 km an unserem heutigen Ziel eintreffen.
Die gestrige Bayernwahl hat es hier auch in die Nachrichten geschafft, aber nur mit dem Stichwort einer Schwächung der Bundeskanzlerin Merkel.
Bei Licht betrachtet zieht Normalität in Bayern ein, der Anachronismus in der deutschen Parteiengeschichte einer Bayrischen Regionalpartei mit bundespolitischem Anspruch wurde nun endlich korrigiert. Ob jetzt allerdings alles besser wird, wenn die CSU mit der CSU koaliert? Das dürfte die Ränder nur weiter stärken, so wie die GroKo es in Berlin auch geschafft hat.
Interessant auch die Datenanalyse von infratest dimap zur Wählerwanderung. Danach sind insbesondere der CSU und SPD ehemalige Wähler abhanden gekommen, da diese seit der letzten Wahl verstorben sind, ohne dass in gleichem Umfang neue hinzugewonnen werden konnten. Und die SPD wird danach offensichtlich überwiegend nur noch von älteren Menschen (Ü60) gewählt. Letzteres wundert mich nicht wirklich, wenn man sich die eine oder andere Ortsvereinssitzung der Genossen vor Augen führt. Welcher junge Mensch sollte das attraktiv finden? Den Volksparteien – oder besser: den ehemaligen Volksparteien – scheint das Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen neuerdings zu fehlen.
Nun aber zurück nach Spanien. Große Ereignisse stehen auf dem Programm. Heute spielen Spanien und England gegeneinander. Das wird auch ein Spaß…