Nun ist es soweit. Ein neuer Ablauf auf Santiago beginnt. Zunächst sind wir aber auf der Suche nach dem Frühstück. Hieß es noch am Vortag, im Gemeinschaftsraum stünde alles bereit, steht da heute Morgen immer noch dasselbe wie gestern. Also eine Tassimo-Kaffeemaschine und ein selbstgebackener Marmorkuchen. Ach, nach näherem Hinsehen finden wir noch Cornflakes und H-Milch, letztere in der mageren und der fetten Version. Aha, das sollte das Frühstück sein…Na dann.
Mit Blick auf die heutige Ausrüstung sind wir unschlüssig. Es ist später am Tag Regen angekündigt. Beim Blick aus dem Dachfenster sehen wir tief hängende Wolken, Richtung Westen tiefschwarz. Also Regenkleidung raus. Das Umrüsten auf freier Strecke ist ein Risiko. Der Regenschauer kann so schnell zuschlagen, dass du richtig nass wirst. Danach bist du im weiteren Verlauf von innen und außen nass.
Wir verlassen Pedrouzo gegen 9 Uhr und nehmen gleich eine Abkürzung über die N-547 Richtung San Anton. Das spart schon mal 1000 m.

Im weiteren Verlauf entpuppen sich die anfänglich tiefhängenden Regenwolken als ein Hochnebel. Es wird erst einmal nicht regnen. Bei unserer ersten Pause bei km 8 in Lavakolla

packen wir die Regenkleidung wieder weg. Die Sonne will aber nicht herauskommen. Im Gegenteil, mit jedem weiteren Kilometer wird es dunkler. Immer diese Unentschlossenheit. Wir bleiben dabei und gehen ohne Regenkleidung weiter. Das muss reichen bis Santiago. Und wenn, dann ist es jetzt auch egal.
Wie schon bei vormaligen Etappen von Pedrouzo nach Santiago fallen hier besonders die ganzen brabbelnden Pilger auf. Ich weiß nicht, woran das liegt, dass kurz vor Santiago alle so aufdrehen. Gerade in den Wäldern hinter Pedrouzo mit den hohen Bäumen existiert eine besondere Akkustik, die alles verstärkt. Aber ich werde auch ermahnt, andere so pilgern zu lassen, wie sie möchten. Mir kommt es allerdings in der Version wie ganz normales Wandern von Touristen vor. Vielleicht ist es das auch. Wer pilgert heute schon aus höheren Motiven? Im Pilgerbüro später beim Ausstellen der Compostela muss jeder seine persönlichen Daten angeben und mitteilen, aus welchen Gründen der Camino gegangen wurde. Da stehen zu meiner Überraschung zu 90% die Kreuze bei „aus religiösen Gründen“ (zumindest auf der mir gezeigten Liste). Wer hätte das gedacht.
Bevor wir unsere Pause in Lavacolla einlegen können, müssen wir jedoch von Amenal bis zum östlichen Rand des Flughafens einen steilen Anstieg bewältigen. Und auf der anderen Seite des Flughafens noch einmal lang anhaltend aufwärts laufen. Es geht auch danach bis San Marcos scheinbar immer nur bergauf. Dies macht die Etappe so einzigartig. Man wähnt sich dem Ziel so nah und es nimmt kein Ende mit den Steigungen. Selbst am Ortsrand von Santiago angelangt, geht es 4 km bis zum Stadtzentrum immer weiter aufwärts.
Der Flughafen muss heutzutage nördlich umlaufen werden, die historische Route verläuft mitten über das Rollfeld. Dies erklärt auch die falschen Angaben auf den Wegsteinen auf dieser letzten Etappe. Um den Flughafen herum hat man die alten Wegsteine – warum auch immer – stehen lassen, es fehlen rd. 3 km. Später ab Lavacolla hat man die Steine gleich ganz weggelassen. Auch dies führt dazu, dass diese Etappe subjektiv nie enden will, man weiß am Ende nicht so recht, wie weit es noch ist.
Aber irgendwann kommen wir doch an. Das anfänglich sehr geschlossene Feld an Pilgern hat sich zum Ende hin völlig aufgelöst. So kommen wir fast alleine an der Porta de Camino an,

dem Eingang zur Altstadt von Santiago. Nun geht es Schlag auf Schlag. Hier kennen wir fast schon jeden Pflasterstein. Wie jedes Mal laufen wir bei schottischer Dudelmusik auf den Praza do Obradoiro ein. Es ist mit Worten kaum zu fassen, wenn man nach vielen Tagen des Pilgerns auf den Vorplatz der Kathedrale tritt und die westliche Fassade mit den beiden Türmen erblickt. Der Anblick und die friedliche Stimmung halten einen minutenlang gefangen. So, als möchte man diesen Ort vorerst nicht mehr verlassen. Und man kehrt hierhin immer wieder zurück…

Nach dem üblichen Einlauffoto fängt es nun doch an zu regnen. Wie pünktlich. Wir machen uns auf den Weg zu unserer Unterkunft, die wie immer am Praza de Galicia liegt und lassen den Tag nach einem Abstecher über das Pilgerbüro, wo wir die Compostela abholen, gemütlich in der Altstadt ausklingen.