18.10. – Santiago de Compostela 2.0

Diejenigen, die hier ankommen reisen selten gleich wieder ab. So bleiben wir auch noch einen Tag.

Zum Abschluß einer Pilgerreise in Santiago gehört der Besuch der Pilgermesse. Diese findet jeden Tag um 12 Uhr statt. Da diese immer gut besucht ist, finden wir uns bereits eine Stunde vorher in der Kathedrale ein.

Die Sitzplätze sind schon zur Hälfte belegt. Wir finden im Querschiff zum Südportal noch zwei Plätze.

Die frühe Einkehr bietet auch die Gelegenheit, diese mächtige romanische Kirche auf sich wirken zu lassen. Während die markante, westliche Barockfassade aus dem 17./18. Jh. stammt, ist die dahinter liegende Kirche bereits im 11./ 12. Jh. im romanischen Stil entstanden, die Barockfassade wurde später einfach nur davor gesetzt. In den Jahrhunderten erfuhr die Kathedrale mehrfache Erweiterungen in verschiedenen Stilrichtungen. Mit der heute 23.000 qm umfassenden Grundfläche ist sie wohl einer der größten romanischen Kirchen der Christenheit überhaupt.

Die Kathedrale füllt sich zunehmend. Das Touristen-Bashing beginnt. Viele, die jetzt erst kommen, finden natürlich nur noch Stehplätze, was angesichts der Größe des Hauses überhaupt kein Problem darstellt. Aber auch diese Touris wollen sitzen, insbesondere in der Hoffnung, an der späteren Flugbahn des Weihrauchfasses zum Sitzen zu kommen (falls es zum Einsatz kommen sollte, was nicht sicher ist). So beginnt ein Verdrängungs- und Zusammenquetschungsprozess („Sie können doch sicher noch aufrücken, oder?“), um den schon fast eine Stunde belegten Platz zu verlieren an den schlauen Touri, der sich noch einen zweiten Milchkaffee gönnte…

Immer wieder ertönen Lautsprecherdurchsagen, doch bitte leiser zu sein. Viele der Anwesenden wissen mit der Würde des Hauses nichts anzufangen. Genau so wie auf dem Camino selbst. Hier wird weiter gebrabbelt. Einige erscheinen auch in kurzen Hosen und Sandalen. Macht ja nix, ihr armen Pilger. Über das Handy- und Filmverbot in der Kirche muss ich dann auch nichts weiter ausführen.

Der Ablauf der Messe folgt der strengen katholischen Liturgie. Hier kommt noch die Besonderheit dazu, dass eine Nonne die Zwischenansprachen und Gesangseinlagen übernimmt, was der Pilgermesse ein kaum beschreibbares friedliches Antlitz verschafft. Die Stimmung lädt ein zu meditieren, wenn da nicht der liturgisch bedingte ständige Wechsel zwischen Stehen, Sitzen und Knien wäre.

Der Höhepunkt der katholischen Messe ist das gemeinsame Abendmahl. Dazu müssen diejenigen, die teilnehmen möchten, zum Altarraum vorgehen und die Hostie in Empfang nehmen. Auch das folgt einem festgelegten Ritual. Man geht in der Mitte zwischen den Bänken nach vorne, um nach Einnahme der Hostie zur Seite und außen an den Bänken zurück zu gehen. Wenn das jeder so macht, kommt sich niemand in die Quere und jeder landet wieder ohne Gedränge am eigenen Platz. Einige schaffen es dennoch, sich in der Mitte gegen den Strom zum Platz zurück zu kämpfen. Ausnahmslos Deutsche wie wir feststellen müssen. Na, im Religionsunterricht nicht aufgepasst, das kommt davon.

Und dann kommt das Weihrauchfass, der sog. Botafumeiro, doch noch zum Einsatz. Am Ende des Abendmahls sehe ich zwei Messdiener links von mir die Sakristei verlassen. Mit dem Weihrauch und der brennenden Kohle bahnen sie sich den Weg durch die stehenden Besucher. Irgendwann wird es schon an diesem Punkt mal zu Verbrennungen kommen. Der Butofumeiro ist knapp 70 kg schwer, 160 cm hoch und hängt an einem 35 m langen Seil über dem Altarraum mittig zum Querschiff.

Der Mittelgang des Querschiffs wurde bereits vor der Messe abgesperrt. Der Aufenthalt dort ist zu gefährlich, zweimal hat er sich beim Durchschwingen bereits vom Seil verabschiedet…Und ich sitze direkt am Mittelgang :-/

In den früheren Jahrhunderten diente das Schwenken des Weihrauchfasses dem Vertreiben des strengen Geruchs, den die Pilger nach monatelanger Wanderschaft mitbrachten. Heute ist es ein Spektakel, wenn das Weihrauchfass fast die Decke des Mittelschiffs berührt.

Und diesmal saß ich auch noch direkt in der Flugbahn…

Im Anschluss an die Pilgermesse ist es Ritus, in den kleinen Raum hinter dem Altarraum hoch zu steigen, um die große, vergoldete Jakobusbüste von hinten zu umarmen. Dabei darf man sich etwas wünschen. Mit diesem Ritual ist die Pilgerreise dann endgültig abgeschlossen. Angesichts des großen Andrangs verzichten wir heute darauf und werden dies nachholen, wenn wir am Samstag wieder nach Santiago zurückkehren. Bevor wir die Kathedrale verlassen, besuchen wir noch das Grab des Heiligen Jakobus unter dem Altarraum. Ob hier wirklich die Gebeine des Apostels liegen, ist nicht überliefert, was aber dem Jakobuskult bisher nicht geschadet hat.

Den Rest des Tages verweilen wir in der beeindruckenden Altstadt von Santiago und immer wieder vor dem Westportal der Kathedrale.

Der spirituelle Rundgang um die Kathedrale, der für 18 Uhr ansteht, fällt aus. Wir finden uns zwar vor dem Nordportal ein, sonst aber niemand. Dann eben nicht.

Morgen geht es wieder früh raus. Es steht noch eine Etappe an das Ende der Welt aus. Finis Terrae wie die Römer diesen Flecken Erde früher ehrfürchtig nannten. Weiter westlich geht es dann nicht mehr, jedenfalls nicht zu Fuß.

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