Heute geht es nochmal los. Wir stehen früh auf, um den Bus um 20 nach 8 zum Busbahnhof von Santiago zu nehmen. Dort holen wir die Fahrkarten für den 10-Uhr-Bus nach Cée – die letzten 13 km nach Finisterre wollen wir zu Fuß laufen – und gehen anschließend gegenüber dem Bahnhofsgebäude frühstücken. Wie immer: Tostadas con mermelada, café con leche, cola cao y dos zumos.
Als wir um 9:45 Uhr an der richtigen Station stehen, ist unser Bus auch schon da. Der Busfahrer kommt kurze Zeit später auch dazu und muss erstmal drei zusätzliche Kollegen zu sich in den Bus holen, um gemeinsam herauszufinden, wie denn das Buchungssystem und die Kommunikation zwischen seinem Diensthandy und dem im Bus installierten Terminal funktioniert. Gegen 10 Uhr steigen alle vier Fahrer triumphierend aus dem Verkehrsmittel aus und wir können einsteigen. Papa und ich haben uns natürlich abgesprochen. Während er unsere Rucksäcke im Gepäckraum verstaut, sichere ich uns zwei Plätze in Fahrtrichtung links, damit wir später einen guten Blick auf die Küste haben. Und Papa hat mir nicht zu viel versprochen. Die Aussicht ist unglaublich. In dem Moment, in dem ich die Ausläufer des Atlantik in der zerklüfteten Küste sehe, fühlt sich gleich alles ein bisschen mehr nach Zuhause an. Dieses Gefühl verstärkt sich nur noch, als wir in Cée aus dem Bus aussteigen und uns die frische, salzige Seeluft des Atlantik entgegen weht.
Nach einer kleinen Stärkung geht es dann auch schon los.

Erst laufen wir eine Weile am Wasser entlang, bis wir in das Wohngebiet von Corcubión abzweigen und weiter auf einem engen Weg zwischen zwei Häusern entlang gehen. Ohne wirklich zu sehen, wo dieser Pfad hinführt, geht es eine Weile steil bergauf, bis man oben angekommen ist und auf die Bucht von Cée hinab blicken kann. Der weitere Verlauf dieser Etappe sieht ähnlich aus: Es geht gefühlt immer weiter bergauf.

Bei km 7,9 können wir das erste Mal voll auf die Bucht von Finisterre herabblicken.

Von hier aus müssen wir nur noch den langen, weißen Sandstrand Playa da Longosteira entlanglaufen, bis wir an den Ortsrand von Finisterre gelangen. Mit nur zwei kleinen Trinkpausen haben wir die 13 km schnell hinter uns gebracht und stehen schon in Finisterre, wo es – natürlich – auch immer weiter bergauf geht, da unsere Unterkunft ausgerechnet auf dem höchsten Punkt des Ortes liegt. Dafür hat man von dort aus einen richtig guten Blick in die Bucht von Finisterre.
Nach einer kleinen Erkundungstour durch den Hafen, bei der wir ein Frühstückslokal für Samstag und Restaurants für das Abendessen ausmachen, machen wir uns auf den Weg zum Strand auf der anderen Seite der Bucht (Playa de Mar de Fóra), der direkt zum Atlantik hin liegt.

Dort verbringen wir unsere Zeit bis zum Sonnenuntergang. Diese kleine Bucht, die zur Todesküste gehört, ist unglaublich schön und erinnert mich sogar ein kleines bisschen an Irland. Den Namen hat die Küste wegen ihrer Strömung und Untiefen, die schon vielen Schwimmern, Surfern so wie Schiffen zum Verhängnis geworden sind. Doch selbst das „Schwimmen verboten“ Schild hält manche Leute hier nicht davon ab, ins Wasser zu gehen, so wie die beiden Surfer, die wir nach kurzer Zeit entdecken.
Wir setzen uns an den Strand und lassen diese atemberaubende Kulisse auf uns wirken.

Es sind nur wenige Menschen hier auszumachen. Ein paar Einheimische machen ihre Abendwanderung mit den Hunden. Der Himmel hält zwar ein paar Wolken bereit, aber dennoch bekommen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang zu sehen.

Noch nachdem wir den Strand verlassen haben, zaubert die untergehende Sonne eine anmutende Farbgestaltung an den Himmel, die selbst auf der anderen Seite der Bucht im Hafen noch zu sehen ist. Der Himmel leuchtet in ganz wundervollen Farben. Besonders die Wolken sind sehr schön. Die rosafarbenen Polarlichter von Galicien….oder so.

Dieser Moment bedeutet nun das Ende unserer Reise, die uns über Santiago de Compostela bis ans Ende der Welt geführt hat. Zum Abschluss des Tages gehen wir in ein kleines Lokal im Hafen, das überwiegend von Einheimischen besucht ist, uns anfangs aber etwas zwielichtig vorkommt. Aber der Schein trügt wie so oft. Hier gibt es überraschenderweise doch den besten Pulpo, den Papa seit langem gegessen hat und selbst als wir schon wieder draußen sind und zu unserer Unterkunft zurückkehren, schwärmt er davon, wie gut der Pulpo war. Und ich – als scharfe Pulpokritikerin – muss zugeben, dass dies das erste Mal war, an dem mir Pulpo sowohl vom Geschmack, als auch von der Konsistenz her gefallen hat (also jetzt mal ganz abgesehen von den Saugnäpfen). Vor unserem Rückweg nehmen wir einen letzten Blick mit auf dieses wundervolle Fischerdorf am Ende der Welt…

An unserer Unterkunft stehen bereits drei Österreicher vor der Tür und versuchen schon seit geschlagenen fünf Minuten mit ihrem Schlüssel die Tür zu öffnen. Nachdem wir eine Weile daneben stehen und zusehen, schreitet Papa ein. Problem erkannt und behoben: Der Österreicher, der an der Tür war, hat penetrant versucht, die Schiebetür nach links aufzuschieben, es war nur keine Schiebetür, er hätte einfach drücken müssen.
Morgen geht es dann mit dem Bus zurück nach Santiago und Montag weiter über Madrid zurück nach Deutschland. Jetzt heißt es, die letzten Tage und Stunden in vollen Zügen zu genießen und einem nochmal vor Augen zu führen, zu welchen Erkenntnissen wir auf unserer Reise gekommen sind.
Epilog
Ich bin mit der Erwartung hier her gekommen, mich in irgendeiner Weise selbst zu finden und ich gehe mit dem Wissen, dass es im Leben nicht darum geht, sich selbst zu finden, sondern sich selbst zu kreieren. Dass ich selbst entscheide, wie andere mich sehen und wahrnehmen. Dass ich mein Leben ändern kann, wenn mir etwas daran nicht gefällt. Und dass, wie aussichtslos eine Situation auch manchmal scheinen mag, es nicht das Ende bedeutet. Man sollte sich besser nach dem richten, was ich vor einiger Zeit mal auf einer Serviette von Steiskal gelesen habe: Lieber genießen und bereuen, anstatt bereuen, nicht genossen zu haben (universell betrachtet; nicht nur auf Nussschnitten und Bienenstiche bezogen). Man sollte immer das beste aus einem Moment machen und wenn etwas schief läuft, dann läuft es eben mal schief. Aber dann lernt man eben daraus, nimmt die Erfahrungen mit und macht es nächstes Mal besser. Denn das Leben geht weiter, ob mit oder ohne einen. Mir hat diese Reise gezeigt, was ich in meinem Leben ändern möchte. Und ich schätze, jetzt geht es darum, mich von der Person zu lösen, die ich war und die Person zu werden, die ich sein will. Und dabei werde ich manchmal wohl auch scheitern, aber ich weiß jetzt, ich kann entweder stoppen und auf der Strecke zurückbleiben oder mich wieder aufrichten und es nochmal versuchen. Dinge passieren und wenn sie passiert sind, dann sind sie passiert. Es liegt an jedem selbst zu entscheiden, ob man sich damit aufhält oder darüber steht.
Das Leben geht weiter.