09.10. – Astorga

Heute soll sich unsere Abreise mal anders gestalten. Da wir in unsere Unterkunft nicht wieder hinein kommen, wenn wir sie verlassen, haben wir schon gestern Abend beschlossen, alles zu packen und wortwörtlich mit Stock und Hut die Unterkunft für das Frühstück bereits um 8 Uhr zu verlassen. Auch wollen wir etwas früher los als an den Vortagen, da wir mit 25 km die bisher längste Etappe vor uns haben.

Bei dem Café angekommen, bei dem Papa gestern noch nach den Öffnungszeiten gefragt hatte (Auskunft: ab 8 Uhr), schüttelt man nur den Kopf, zeigt in eine andere Straße und verzieht sich in das Lokal zurück. Wir schauen uns die bezeigte Straße und zwei abzweigende von dieser an: sieht sehr schlecht aus. Papa regt sich auf und ich – als trainierter Morgenmuffel – kriege immer schlechtere Laune. Mir wird der Vorschlag unterbreitet, einfach loszugehen und im nächsten Ort (6 km von hier) mal nach einem Lokal zu suchen. Hier schalte ich alle sozialen Kompetenzen ab, hole mein Handy und meine Lebensretter in jeder Situation, die Kopfhörer, raus und drücke auf Play. Die Musik passt zwar überhaupt nicht zu Spanien, so mal eines der Lieder von Italien handelt, aber das ist mir recht, solange ich mich ablenken kann. Wir gehen also los und genau die Straße, die wir nicht mehr nach Cafés abgesucht haben, beherbergt ein geöffnetes, in dem wir dann auch – wider Erwarten – sehr gut frühstücken. Am Ende hat doch alles einen Sinn 🙂

Mit erhobener Laune maschieren wir los und Papa erzählt mir zum wiederholten Mal, dass er sich, als er vor vier Jahren hier war, auf dieser Etappe verlaufen hat und am Ende gar kein Bock mehr hatte. „Aber dieses Mal wissen wir es ja besser.“, sagt er und biegt links über einen Pfeil, der nach rechts zeigt, ab… Ich glaube auch.

Kurz hinter dem Ortsausgang von La Bañeza treffen wir wieder auf unsere alte Bekannte: die stillgelegte Bahntrassse, hier noch unpräpariert und im ursprünglichen Zustand. Über eine alte Bahnbrücke überqueren wir den Fluß Duerna

und laufen über schmale Pfade und durch Felder Richtung Palacios de Valduerna, dem nächsten Ort.

Die 25 km sind hart. Vor allem weil nach dem ersten Ort (Palacios de Valduerna), an dem wir von einer älteren Frau mit Flyer über die Geschichte der Gemeinde begrüßt und wie Promis nach Bildern von uns gefragt werden, die sie in einem Pilgermuseum aufhängen will, für weitere 13 km nicht nur keine Ortschaft mehr sehen werden, sondern überhaupt keinerlei Zivilisation. Wir laufen einfach kilometerlang geradeaus durch eine verwegene Landschaft bestehend aus Steineichen und Zystrosen, und: kein Mensch weit und breit. Als Einzelpilger dürfte man hier in keine Notlage geraten…

Bei km 17 machen wir zwischen der Autobahn und der Nationalstrasse, die nur rd. 100 m auseinanderliegen auf einer Bank für Pilger eine längere Pause.

Obwohl nur noch 8 km vor uns liegen, kommt uns der Weg sehr lang vor. Er beinhaltet noch viele blöde Schotterpisten, die ich schweigend hinnehme, wie sie sind und versuche nicht umzuknicken, während Papa sich lauthals über diese beschwert. Auf seiner neuen Trackinguhr, die nicht nur Schrittanzahl, Distanz und Herzrate misst, sondern auch das Stresslevel, kann man bestimmt genau sehen, wann er sich wieder darüber aufregt…

Nachdem wir uns in einem Vorort von Astorga (Celada de la Vega) noch mit einem Getränk im örtlichen Restaurant stärken, geht es in einer großen Rechtskurve die letzten 4 km auf Astorga zu.

Kurz hinter der Iglesia de San Andrés trifft die Via de la Plata auf den Camino francés. Ab hier werden wir also mit vielen Pilgern gemeinsam weiter unterwegs sein. Nach weiteren 500 m sind wir am Ziel, dem Plaza Mayor, an dem auch unsere Unterkunft liegt, 7 Stunden und 15 Minuten sowie 24,5 km nach dem Start in La Bañeza.

Als wir in ein Lokal gegenüber gehen, um zu essen, dauert es eine Weile bis überhaupt irgendetwas passiert und wir von einer älteren Dame darauf hingewiesen werden, dass man zum Essen besser in das obere Stockwerk geht, da hier unten eher nur Getränke und Tapas zu sich genommen werden. Also gehen wir hoch. Die Bedienung im ersten Stockwerk, die sich anscheinend schon eine Weile – nur – mit Pilgern, die kein Spanisch sprechen, befassen muss, ist mega genervt und scheut sich auch nicht, dies offen zu zeigen.

Anstatt nach dem mäßigen Essen – oder wie Papa sagt: „Pilger-Touri-Nepp“ – also noch für weitere Getränke zu bleiben, wechseln wir die Location und gehen in eine Bar, die Papa früher schon häufiger aufgesucht hat. Hier ist das Personal sehr nett und zu jedem neuen Getränk bekommen wir einen neuen Teller Tapas. Nach zwei Getränken können wir nicht mehr, Erkenntnis des Tages: das Touri-Nepp-Menu vorher hätte man sich schenken können. Auch hier ist die spanische Preisgestaltung unschlagbar: 3 Getränke und ausreichend Tapas = 4,50 €.

Auf dem Rückweg zur Unterkunft schnell noch ein Blick auf das Rathaus

und dann ab aufs Zimmer. Morgen wird entspannt ausgeschlafen. Wobei Papa mit ausschlafen 8 Uhr meint, was von meiner Vorstellung von Ausschlafen etwas abweicht. Aber ich darf nach dem Frühstück wie es sich anhört wieder ins Bett gehen. Jackpot.

08.10. – La Bañeza

Heute müssen wir uns das Frühstück wieder selber machen, was fast in einer Katastrophe mündet, da der Toast im Toaster stecken bleibt und nicht nur pechschwarz wird, sondern kurz vor der Selbstentzündung steht. Von der Rauchentwicklung mal ganz abgesehen. Zu allem Überfluss hat die Tassimo-Kaffeemaschine auch noch beträchtlich viel Wasser abgelassen, nur nicht in die Tasse, sondern auf den gesamten Buffettisch. Ein entspannteres Frühstück zum Wochenbeginn kann man sich kaum vorstellen….

Nun, nachdem wir alle Schäden beseitigt und das Buffet aufklaren konnten, geht es um 09.15 Uhr bei 6°C auf den Weg. Zunächst laufen wir wieder 3 km an der LE 114 entlang Richtung Norden,

bevor wir in La Nora abbiegen und nun einer Piste am Ufer des Flusses Jamuz durch Schilf und Pappelwäldern folgen. Zum Glück schlafen um diese Uhrzeit fast noch alle Einwohner Kastilien-Leóns, weshalb wir nur 3 Autos zählen.

Nach rd. 5 km erreichen wir Quintana del Marco, wo wir in der Bar la Plaza kurz Rast halten. Anders als vor vier Jahren, wo ich hier noch eher unfreundlich empfangen wurde, werden wir sofort freundlich begrüßt. Mit nur einem Kaffee will man uns hier nicht entlassen. Es gibt Kuchen und Tortilla in verschiedenen Ausführungen. Erst nach diesem Pflichtprogramm können wir unseren Weg fortsetzen. Am Ortsende kommen wir noch am mittelalterlichen Wehrturm der Gemeinde vorbei.

Weiter geht es 3 km entlang des Jamuz, bevor wir linker Hand Villanueva de Jamuz erreichen. Hier machen wir erneut am Ortsrand kurz Rast, bevor es weitere 2 km am Fluss entlang geht.

500 m vor dem berühmten Sprung über einen breiten Graben und einer Wegführung durch ein verwegenes Dickicht werden wir bei km 14,5 nach rechts auf eine breite Geröllpiste abgeleitet. Hier scheint sich die Routenführung geändert zu haben. Nach mehreren hundert Metern schwenkt die Piste dann in einem Waldstück wieder nach links Richtung La Bañeza ein. Durch diese neue Routenführung verpassen wir allerdings das Dorf Santa Elena de Jamuz und müssen über einen weiten Bogen Richtung eines Industriegebietes am Rande von La Bañeza ohne großen Schutz vor Sonne laufen. Zudem nerven hier die Unmengen an Insekten, die wir auch mit viel Tamtam nicht abschütteln können.

Nach 19 km und schon reichlich angespannt erreichen wir den Stadtrand von La Bañeza. Dann dauert es aber nicht mehr lang, bis wir nach insgesamt 5 Stunden und 45 Minuten sowie 20,6 km mitten in der Stadt unsere Unterkunft finden, in der wir sehr freundlich empfangen werden.

Nach der Erstversorgung in der Unterkunft geht es schnell auf den Hauptplatz in die Bar Bugatti, in der wir mit lecker Bocadillos für den heutigen Tag belohnt werden. Anschließend geht es früh zurück. Morgen liegt eine anstrengende Etappe mit 25 km und einer nicht einfachen Wegführung vor uns.

07.10. – Alija del Infantado

Heute mal ganz spät unterwegs. Erst um 9 Uhr gehen wir los, um zu frühstücken. Das Café, bei dem wir gestern nach den Öffnungszeiten gefragt haben (9 Uhr), hat noch geschlossen. Also gehen wir weiter auf der Suche nach einem geöffneten Lokal. Sieht alles ziemlich trostlos aus. Als wir eine Gruppe Spanier treffen, die uns schon im Hotel aufgefallen war, beschließen wir, ihnen zu folgen und landen prompt in einem kleinen Café, in dem wir wenige Minuten später schon unsere Bestellung auf dem Tisch haben. Die Standards hier sind einfach andere. Und das alles nur für 6,20 € (zwei Tostadas, sechs – frisch gemachte – Churros, ein Café con Leche und ein Cola Cao).

Reichlich spät – um 10 Uhr – gehen wir dann tatsächlich los. Der (neue) Weg führt uns nicht wie bisher mitten durch Benavente, sondern weiter über die zugeschütteten Bahnschienen.

Der Weg ist nicht spektakulär erlebbar, aber definitiv spektakulär lang. Wir machen in zwei kleinen Orten Pause, wobei der zweite eigentlich nur aus einem verlassenen Bahnhof, einer alten, geschlossenen Kneipe und einer Lagerstätte besteht.

Der richtige Ort liegt wohl ein klein wenig weiter rechts, meint Papa. 17 lange Kilometer sind wir also nur auf den Schienen unterwegs und Papa äußert sich mehrfach darüber, dass wir ja eigentlich schon lange irgendwo links eine Abzweigung hätten nehmen müssen und irgendwas falsch gelaufen sein muss – in dem Fall sind das wohl wir. Doch plötzlich hört der neu präparierte Weg unvermittelt auf und die Bahnschienen sind wieder zu sehen.

Hier biegen wir tatsächlich links ab und gehen an der gefährlichen Landstraße LE 114 entlang, die Autos brausen hier mit über 100 km/h an uns vorbei. Nach Papa sind wir in einer Stunde da. Eine Stunde später (zumindest glaube ich das, ich habe allerdings keine Uhr) stoppen wir und fragen unseren guten Freund Google Maps. Der meint, wir wären in 56 Minuten am Ziel. Na toll. Also geht es weiter geradeaus an der Landstraße entlang, bis wir irgendwann eine Abzweigung nach halb links einschlagen. Und auf ein Mal ist Papa wieder ganz munter. Vor uns liegt die alte, römische Brücke über den Órbigo, die er wegen des neuen Wegs bereits als verpasst geglaubt hatte.

Die Brücke markiert auch die Grenze zwischen den Provinzen Zamora und León. Hier machen wir unsere letzte Pause, bevor wir uns den Rest der heutigen Etappe wieder entlang der LE 114 vornehmen.

Endlich im Ort angekommen, müssen wir allerdings noch eine Weile weiter laufen, bis wir an der Unterkunft, die uns noch per Mail eine Rückmeldung gegeben hatte, während wir auf dem Weg waren, angelangt sind. Dort werden wir herzlich empfangen, bekommen gleich zwei Getränke und eine kleine Stärkung in Form von Tapas. Sehr zuvorkommend. Der Besitzer und Koch hat mal in Recklinghausen gearbeitet, wie sich herausstellt.

Auf dem Zimmer packen wir schnell die Rucksäcke aus und duschen, damit wir zügig in die Bar Rua II gegenüber gehen können, um zu essen und heute früher schlafen zu gehen. Aber als ich meinen Rucksack grade öffne, stellt sich mir eine kleine, aber bedeutende Frage: Frühstück ist im Preis mit drin, was machen wir also mit den Donuts, die wir gestern als Frühstücksersatz für Montagmorgen gekauft haben? Papa weiß sofort eine Antwort: Notschlachtung, jetzt essen.

Nach den fragwürdigen Donuts gehen wir trotzdem noch in die Bar und bestellen Calamares und Kroketten. Die Kroketten sind zu meinem Bedauern in der Mitte fast noch gefroren. Ich hatte mir mehr erwartet. Meine Haut teilt mir auch schon seit einigen Tagen mit, dass meine Ernährung – auf gut Deutsch – scheiße ist. Ick freue mir. Jetzt nur noch eben den Tag morgen strukturieren und dann geht es auch ins Bett. Was Papa dazu noch zu sagen hat: ,,Das ist ja ein doofer Weg morgen.“

Motivation ist vorhanden.

Anmerkung zur Route von Benavente nach Alija del Infantado für künftige Pilger:

Die stillgelegte Bahntrasse wurde von Barcial del Barco aus nicht nur bis Benavente (km 8) präpariert, sondern bis Maire de Castroponce (km 25, Ende an der Autobahnabfahrt Alija del Infantado). Der Vorteil liegt darin, dass die Route nicht mehr direkt durch Benavente und dann 4 km an/auf der Landstrasse entlang führt, sondern am alten Bahnhof in Benavente vorbei an einer ehemals beschriebenen Abkürzung, damit erspart man sich bis Villabrázaro schon einmal einen Kilometer und läuft entspannt durch die Natur.

Der Nachteil besteht darin, dass die päparierte Bahntrasse kurz nach Villabrázaro nach rechts wegschwenkt und die klassische Route verlässt. Dadurch landet man unvermittelt an der Autobahnabfahrt Alija del Infantado und muss von dort die gefährliche LE 114 entlang gehen mit einem Umweg von 3 km. Also liebe Pilger, wenn ihr diese Route gehen wollt, ist es besser, ab Villabrázaro der klassischen Route durch den Ort zu folgen. Oder spätestens die Bahntrasse dann zu verlassen, wenn eine Ausschilderung nach Pobladura del Vaile zu sehen ist. Der Ort liegt rechts, hier die Bahntrssse nach links verlassen, nach 200 m rechts halten und später nach ca. 800 m wieder rechts auf die wenig befahrene Strasse nach Maire de Castroponce einbiegen. Ab hier müsste die Via de la Plata wieder mit den klassisch-gelben Pfeilen ausgeschildert sein. Insgesamt dürfte sich ab Benavente-Bahnhof dadurch eine Ersparnis von 700 – 1000 m gegenüber der alten Route durch Benavente ergeben.

06.10. – Benavente

Heute geht es erst einmal einen ganz großen Schwung nach vorne. Wir fahren mit dem Bus von Zamora rd. 60 km nach Barcial del Barco, um von dort unsere Pilgerreise Richtung Benavente fortzusetzen.

Zunächst aber waren wir ein letztes Mal in der uns ans Herz gewachsenen Cafeteria Dolfos, um ein kurzes und knappes spanisches Frühstück zu uns zu nehmen (Café con leche, tostada, mermelada).

Den zentralen Ominbusbahnhof erreichen wir zügig, aber anders als am Vortag beschrieben, war natürlich kein Schalter besetzt. Dann kaufen wir die Fahrkarten halt im Bus. Dieser kommt auch pünktlich und so kann es dann losgehen.

Die Etappen zwischen Zamora und Barcial del Barco (Montamarta, Riego del Camino, Granja de Moreruela, Santovenia) verlaufen entweder direkt auf oder neben der N-630 und sind deshalb nicht so attraktiv. In Barcial del Barco geht es sofort abseits der Nationalstraße ins Gelände.

Seit meinem letzten Besuch hier hat es aber entscheidende Veränderungen in der Streckenführung gegeben. Ist dieser Abschnitt bis Benavente bisher als wild-romantisch bekannt, haben die Veränderungen doch deutlich von dem Flair genommen. Bisher verlief die Route entweder neben oder auf einer stillgelegten Bahntrasse am Fluß Esla entlang. Man musste hier an verschiedenen Stellen auf den Bahnschwellen laufen, mal eine steile Böschung raufklettern oder über alte Eisenbahnbrücken den Fluß Esla überqueren. Das war zum Teil abenteuetlich-gefährlich, da die Schwellen über die Brücken nicht immer vollständig vorhanden waren. Aber es hatte entlang des Flußbettes durch teilweise Dickicht und Unterholz viel von Abenteuer.

Zwischenzeitlich hat man wohl die eine oder andere Gefahrenstelle erkannt und den Weg präpariert. So wurde das Gleisbett mit einer ca. 30 cm hohen Kiesschicht gleichmäßig bedeckt, so dass das Laufen jetzt einfacher ist. Die Brücken wurden für Fußgänger befestigt, ein Abgleiten in den Fluß ist jetzt unter normalen Umständen nicht mehr möglich. Während sich die alte Streckenführung um die Bahnlinie herumschlängelte, manchmal im Zickzack, oder auch abseits einen Ort durchquerte, führt uns die Piste nun vollständig auf dem alten, aber präparierten Gleisbett nach Benavente. Abgesehen von drei Kurven geht es an der längsten Stelle somit wie für Bahnstrecken üblich 6 km schnurstracks geradeaus. Leicht zu laufen, gut für die Gelenke und Bänder. Aber das Ursprüngliche ist futsch. Für diejenigen, die es mal in der wild-romantischen Variante erlebt haben eher schade….

Zur Veranschaulichung hier ein Bild aus 2014:

So sieht das heute aus:

11.30 Uhr waren wir in Barcial del Barco gestartet, gegen 13.45 Uhr treffen wir an der Unterkunft nach 8,1 km ein. Wir schmeißen unsere Sachen schnell ins Zimmer und starten in die nächste Tapasbar. Geschafft.

Die nächsten Tage werden noch hart werden. Zum einen erreicht uns ein Temperatursturz, die Temperaturen werden morgen Vormittag auf 6°C absacken und in der Spitze vielleicht noch 15°C erreichen. Zum andern haben wir in den nächsten drei Tagen Streckenlängen über 20 km vor uns.

05.10. – Zamora 2.0

Heute ist Ausschlafen angesagt. Und auch wenn Papa gestern noch gesagt hat, er würde sich den Wecker auf 8 Uhr stellen und mich dann wach rütteln, nachdem ich geantwortet hatte, dass man das ja wohl nicht Ausschlafen nennen könne, schlafen wir tatsächlich bis 9:15 Uhr.

Auf der Suche nach einem Frühstückslokal suchen wir gleich auch noch nach einem Lokal, dass schon vor 8 Uhr geöffnet hat, damit wir morgen mit der Abfahrtszeit des Busses nicht ins Hetzen kommen oder ihn sogar verpassen.

Nach dem Frühstück machen wir uns dann auf den Weg zum zentralen Busbahnhof, um uns über die Zeiten der Abfahrt zu erkundigen. Wir verlaufen uns ein klein wenig und Papa lässt sich ein paar Mal fast überfahren, aber irgendwann haben wir unser Ziel erreicht und stellen fest: Wir haben einfach nur die Abzweigung nach links verpasst. Ein Bus Richtung Benavente, wo wir hin möchten, fährt um 10:15 Uhr. Hört sich für uns ziemlich gut an, dann brauchen wir im Idealfall noch nicht einmal ein Café, das vor 8 Uhr aufmacht. Den Rückweg legen wir schneller zurück, da wir nun über die Abzweigung bescheid wissen und denselben Fehler nicht nochmal begehen.

Wir entscheiden uns, die Kathedrale von Zamora zu besichtigen und finden diese auch ziemlich schnell. Ich finde sie hübsch, aber irgendwie echt klein und ich habe sie mir anders vorgestellt.

Als wir noch ein paar Kilometer von Zamora entfernt waren, sah sie so gigantisch aus. Papa glaubt, irgendwas sei hier falsch, er könne nur nicht genau sagen, was. Auf dem Platz vor dem Gebäude setzen wir uns kurz hin und schauen auf den Stadtplan. Schnell wird klar: Wir hatten mit unserem Gefühl beide Recht. Das hier ist nicht die Kathedrale von Zamora. Ein wenig verwirrt machen wir uns also auf zu der richtigen Kathedrale und als wir sie gefunden haben und vor ihr stehen, wissen wir sofort: Das ist die Kathedrale von Zamora.

Wir entscheiden uns für eine Besichtigung und bekommen beide einen Audioguide. Bei Nummer sechs von 37 hört die Tour für Papa auf. Egal, was für einen Track er auswählt, es gibt keinen für die Nummern über sechs. Also holt er sich einen neuen Audioguide und ist mir schnell wieder auf den Fersen. Wir kommen beide zu dem Schluss, dass die Kathedrale durchaus sehr schön ist, aber doch noch etwas Anderes als die in Salamanca, welche deutlich größer und beeindruckender ist.

Es sind bereits zwei Stunden vergangen und es ist 14 Uhr, das bedeutet, die meisten Läden machen grade auch Mittagspause. Auf dem Markt, der hier für die zwei Tage, die wir auch hier sind, aufgebaut ist, essen wir noch eine Kleinigkeit, für Papa Pulpo, den ich zu seinem Bedauern leider nicht mag, und für mich ein Crêpe mit ganz viel Nutella. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Danach machen auch wir eine Mittagspause, die im Endeffekt mit drei Stunden ein bisschen ausartet.

Um 18:30 Uhr machen wir uns auf zur Cafeteria Dolfo, wo wir auch gestern zu Abend gegessen haben. Es ist wieder sehr lecker, nur leider werde ich von einer Wespe belastet. Echt stressig. Papa versucht sie zwischen seinen Händen zu klatschen. Das einzige, was ich dazu zu sagen habe:,,Du weißt aber schon, dass die dich dann sticht?“ Ich kriege ein verwundertes „Nein“ zurück.

Und jetzt sitzen wir hier, am Freitagabend bei 26° C im Straßencafé, und beobachten Zamoras Bürger, die offensichtlich vollständig auf den Straßen unterwegs sind. Sie haben sich alle fein gemacht und sie sehen gut aus. Ich frage mich mittlerweile nicht mehr, was die Menschen hier für Gene haben. Ich weiß nur, ich brauche die auch.

Morgen machen wir uns also mit dem Bus auf den Weg Richtung Benavente, um in Barcial de Barco auszusteigen und von dort aus die restlichen 9 Kilometer nach Benavente zu laufen.

04.10. – Zamora

Heute also Zamora, die letzte Etappe des ersten Abschnitts, bevor wir einen Ruhetag einlegen werden.

Die Nacht war sehr unruhig. Wir haben in unserer Unterkunft unter dem Dach übernachtet, unter einer Holzkonstruktion, die offensichtlich vielen Tieren eine Heimat gegeben hat. Im Dunkeln hat man jedenfalls den unmittelbaren Eindruck, als ob Tiere – welche auch immer – durch das Zimmer laufen. Aber alles Absuchen der Holzdecke hilft nichts, da ist nichts zu sehen, nur deutlich zu hören. Die Nager und Kriecher befinden sich offensichtlich oberhalb der Holzvertäfelung. Trotzdem ein ungewohntes Erlebnis. Genau so wie das Vögelzwitschern aus dem Badezimmerabluftschacht. Eva hat so tief und fest geschlafen, sie hat von dem Spektakel nichts mitbekommen. Besser ist das!

Das Frühstück haben wir zu Dritt eingenommen, zusammen mit einem Norweger im Rentenalter, den wir gestern schon in der Bar getroffen hatten. Genauso wie wir hatte er sich von dem Pilgertisch ferngehalten. Insofern wundert es nicht, ihn hier anzutreffen, anstatt in der 300 m entfernten privaten Herberge. Er spricht gut Deutsch und wir kommen ins Gespräch. Er ist auf dem Weg nach Sevilla. Wir wünschen ihm viel Glück, zumal es ihm etwas an Orientierungssinn fehlt. Gestern war er sieben Stunden in die falsche Richtung gelaufen. Ein mitfühlender Einheimischer hat ihn dann nach Zamora zurückgefahren, von wo aus er mit dem Bus an das Zwischenziel Villanueva de Campeán gelangte.

Um 09.30 Uhr geht es auf die Piste bei frischen 10 Grad.

Wir gehen eine von Wiesen und Feldern gesäumte Piste 4 km geradeaus. Wir sind immer noch dabei, den richtigen Modus zu finden, um Verletzungen und vorzeitige Erschöpfungen zu vermeiden. Das gelingt nur bedingt. Insbesondere der Versuch, langsamer zu gehen, ist nicht einfach. Auch wenn wir das Tempo gefühlt drosseln, stellt sich später nach Auswertung der GPS-Daten heraus, dass wir sogar noch einen Tick schneller unterwegs sind als am Vortag. Das ist nicht gut und macht sich auf der Distanz bemerkbar.

Nach den ersten vier Kilometern geht es rechts weiter. Ein nicht zu übersehender Hinweis am Wegesrand macht deutlich, dass man hier auch geradeaus gehen könnte. Dann würde man in ca. einem Kilometer nach San Marcial gelangen, wo sich eine nette Bar befindet. Zeit für eine erste Pause, die wir ja bisher zu wenig einlegen. Aber – diesmal wirklich auf Wunsch einer einzelnen Dame – biegen wir rechts ab und folgen dem offiziellen Weg, der uns dann kilometerlang durch offene Felder und Wiesen unter einer immer mächtigeren Sonne führt. Bis Zamora gibt es dann auch keine wirkliche Gelegenheit für eine richtige Pause mehr. Es geht immer weiter über Schotterpisten, die mal breiter werden oder sich über kleine Hügel durch angrenzende Felder schlängeln.

Nach rund 11 km gelangen wir auf eine Anhöhe, auf der wir das erste Mal Zamora erblicken. Von nun an sehen wir die Stadt immer mal wieder. Sie liegt direkt vor uns, ist dennoch für uns sehr weit weg. Es dauert von hier noch einmal lange, zähe 2,5 Stunden bis wir an den Stadtrand gelangen. Hier erhebt sich am Ufer des Duero die mächtige Stadtmauer, hinter der die romanisch-romantische Altstadt von Zamora und die Kathedrale zu sehen sind. Am Ufer des Flusses mit diesem gigantischen Anblick erholen wir uns von der strapaziösen heutigen Route.

Bis in die Innenstadt und zur Unterkunft sind es aber noch 1,7 km.

Die schaffen wir dann aber auch noch und kommen nach 5 Stunden und 45 Minuten sowie 18,6 km dort an. Die Strecke war etwas kürzer als die von Calzada nach El Cubo, aber doch deutlich anstrengender. Es sollte an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben, dass ich beim letzten Mal von El Cubo bis Zamora durchgelaufen bin und in Villanueva de Campeán nur eine Mittagspause eingelegt habe.

Den Abend lassen wir gemütlich bei Tapas in einem Café in der Nähe der Unterkunft ausklingen, verfolgen neugierig die intelligenten Kommentare 😂 auf dieser Webseite und beobachten das Treiben in den Straßen von Zamora. An einem 4. Oktober abends bei noch 24 ° C in einem Straßencafé zu sitzen, das hat doch etwas. Wir freuen uns schon auf den nächsten (Ruhe-)Tag in dieser Stadt.

03.10. – Villanueva de Campeán

Nach dem gestrigen Tag machen wir uns heute also auf den Weg nach Villanueva de Campeán, wo wir nicht auf den besonderen Wunsch einer einzelnen Dame in eine Frühstückspension ziehen, sondern uns auf Grund verschiedener Faktoren (wie zum Beispiel die Gemeinschaftsbäder der letzten Tage) gemeinsam dagegen entschieden haben, eine weitere Nacht in einer Pilgerherberge – ob nun öffentlich oder privat – zu verbringen.
Also machen wir uns nach einem kleinen, aber feinen Frühstück von der netten Bäuerin auf den Weg.

Schnell wird klar: Für mich waren die 20km gestern ein bisschen zu viel. Bereits nach einem Drittel der Strecke merke ich meine Füße und meine Knie, für die ich die Bandagen – bestimmt aus diversen, logischen Gründen – ganz unten in den Rucksack gepackt habe. Diese jetzt rauszuholen, ist also keine Option. Blöd gelaufen, würde ich mal sagen.
Bei unserer ersten Pause holen uns zwei andere deutsche Pilger ein, die auch schon bald über alle Berge sind (wobei man in diesem Fall lieber von Hügeln sprechen sollte). Als wir unsere dritte Pause beginnen, haben wir beide ein leichtes Grummeln im Magen und holen zwei Bananen aus dem Rucksack, die wir gestern auf Vorrat gekauft haben. Die Bananen zu schälen, ist allerdings auch ein Akt für sich. Fast noch komplett grün gestaltet es sich schwierig die Schale abzuziehen, demnach dauert es länger die Bananen aus ihren Hüllen zu pulen, als sie tatsächlich zu essen.
Nach ein paar weiteren Kilometern sind wir in Villanueva de Campeán angekommen, stehen aber vor einer verschlossen und verlassenen Pension.

Einchecken kann man erst ab 15 Uhr. Also gehen wir in die Bar des Ortes, die zugleich die private Pilgerherberge bewirtschaftet. Dort treffen wir direkt auf unsere Bekannte mit der wir schon die letzten beiden Tage verbracht haben. In der Bar stärken wir uns zunächst mit Kaffee und Wasser, bis Papa mich drei Mal fragt, ob ich mir nicht die leckeren Schokocrossaints an der Bar ansehen möchte und ihm bei der Gelegenheit gleich eines mitbringen kann. Letztlich entscheiden wir uns für eine Plata Combinada für jeden von uns.
Um 15 Uhr sind wir zurück an der Pension und es ist immer noch keine Sicht von den Besitzern. Nach ein paar Minuten rufen wir bei der Nummer der Unterkunft an und eine beschäftigt klingende Frau sagt uns, sie sei in fünf Minuten da. Drei Minuten später kommt ein schwarzer Geländewagen um die Ecke gerast und wir lernen die Frau kennen, mit der wir eben noch telefoniert haben.
Auf unserem Zimmer – mit eigenem Bad – packen wir unsere Rucksäcke aus, um danach direkt duschen zu gehen. Und es ist tatsächlich eine Dusche drin, bevor plötzlich das Wasser nicht mehr fließt. Die Besitzerin weiß sich auch nicht zu helfen und drückt uns eine große Flasche Wasser in die Hand. Falls sich jemand für das weitere Vorgehen interessiert: Ich lasse die Flasche, die Papa kurze Zeit später schon zum Auffüllen seiner leeren Trinkflaschen benutzt, links liegen und warte, bis das Wasser um 18:30 Uhr wieder eingeschaltet ist.

Zurück in der Bar, beim Abendessen, das aus Russischem Salat, Fisch/Schwein und – als schwacher Abgang – aus gekauftem Eis in einer Joghurtpackung besteht, erfahren wir von einem anderen Deutschen, der sich hier ausschließlich in Deutsch zu verständigen weiß und sich mit Händen und Füßen bereits mit unserer Bekannten und einem Franzosen über Habichte ,,unterhalten“ hat (das muss ein schlechtes O(h)men sein), dass im ganzen Ort das Wasser ausgefallen sei und ihm zu allem Überfluss auch noch sein linker Kopfhörer kaputt gegangen sei und das direkt bevor seine Brille einfach so in ihre Einzelteile zerfallen sei. Die hatte bestimmt auch keine Lust mehr, sich seine Geschichten nach einer halben Flasche Wein anzuhören. Nach einem letzten Bier für Papa ergreifen wir die Flucht, weil ,,Alter Schwede!“ Das. War. Belastend. Wir wollen nicht unerwähnt lassen, dass dieser Deutsche aus Ostwestfalen stammt.

Morgen geht es mit 18 finalen Kilometern nach Zamora, wo wir für zwei Nächte einkehren werden. Vielleicht werden wir ja die Kanadier von gestern dort treffen, wer weiß und vielleicht legt unsere Bekannte aus Portugal ja genau dieselbe Strecke zurück wie wir. Wäre nicht das erste Mal. Nur unseren neuen deutschen Freund, den ich mit Herzen Peter getauft habe, da ich nicht mitbekommen habe, wie er sich vorgestellt hat, muss ich nicht unbedingt wiedersehen. Dürfte auch schwierig werden, zumal er die andere Richtung einschlägt, akso die, aus der wir heute gekommen sind. Verkehrte Welt…
Nimm’s mir nicht übel, Peter. (So schreibt man übrigens einen Blogeintrag, falls du dich noch immer wundern solltest, wie das denn geht.)

02.10. – EL Cubo de la Tierra del Vino

Der zweite Tag Pilgern. Die zweite Etappe führt uns heute nach El Cubo de la Tierra del Vino, oder El Cubo del Vino wie die Einheimischen sagen. Auf diese Etappe war ich besonders gespannt. Zum Einen weil dies vor vier Jahren meine erste Etappe war und ich aus dem Nichts so dermaßen nass wurde, so dass ich einschliesslich meinem Reiseführer nachmittags alles in die pralle Sonne zum Trocknen legen musste. Zum Anderen weil ich in El Cubo auf einem Bauernhof einen sehr liebenswerten Aufenthalt hatte. Auch diesmal sollte es dort hingehen. Was mich im Vorfeld wunderte: Meine Kreditkarte wurde gleich bei Buchung ohne Stornierungsmöglichkeit belastet. Das kannte ich bisher von diesem Bauernehepaar nicht. Oder wie Eva trocken kommentierte: Vor vier Jahren war ich 12 Jahre alt. Na dann.

Die zweite Etappe beginnt dann doch mal planmäßig kurz nach 9 Uhr. Diese ist dann mit 20 km noch einmal 5 km länger als die am ersten Tag. Und das, nachdem wir am ersten Tag alle Anfängerfehler auf einmal eingelöst haben: zu schnell, zu wenig Pausen und Rucksack nicht richtig aufgesetzt. Entsprechend schmerzhaft ist dann diese Etappe verlaufen. Erst melden sich Knie und Hüfte und dann machen im Verlauf die Füße noch Ärger. Und da die erste Etappe sprichwörtlich noch in den Knochen sitzt, will die zweite Etappe nicht so richtig in Schwung kommen.

Da wir in einer einfachen Pilgerherberge übernachtet haben, dürfen wir uns das Frühstück selber machen. Das fängt schon mal mit dem Kaffeeautomaten gut an, in dem der Kaffee vom Vortag centimeterhoch steht und der Dauerfilter nicht gereinigt wurde. Aber kein Problem. Bevor ich ohne Kaffee und Frühstück auf die Piste gehe, wird besser erst einmal die Küche auf Vordermann gebracht. Zum Glück ist alles vorhanden und die Mitpilgerin weist uns kurz in die Gepflogenheiten des Hauses ein. Dazu gehört natürlich auch das Abspülen. Nachdem wir alles aufgeklart und gepackt haben, verschließen wir die Herberge von außen und schmeißen den Schlüssel nach innen über das Tor.

Und dann geht es auf die Piste bei frischen 8 Grad Celsius, aber wolkenlosem Himmel.

Es erwartet uns ein Blick über Felder in die Unendlichkeit, nur ein grader Feldweg mit rotem Lehmsand bedeckt ist zu sehen, der uns vermeintlich bis zum Horizont führt. Das tut er natürlich nicht, sondern geleitet uns nach ca. 2 km entlang der neuen Autobahn, die in etwa dem Verlauf der alten N630 entspricht. Ein Tribut an die neue Zeit. Die Via de la Plata – der sogenannte Silberweg – war in den Jahrhunderten vor uns eine bedeutende Handelsstraße von Sevilla in den Norden und für die Römer eine nicht weniger wichtige Route für den Nachschub von Kriegsmaterial zur Befreiung Spaniens von den Arabern. Da bleibt es nicht aus, dass dieser Weg heute der Route einer Autobahn entspricht.

Mit jedem Kilometer meldet sich die erste Etappe wieder, es wird zäh, ob die Knochen das durchhalten? Schon meldet sich nach 9 km der linke Innenminiskus, hatte schon viele Jahre nicht mehr das Vergnügen. Aber jetzt zur Unzeit muss sich das Ding melden. Da hilft nur eins. Das Tempo drosseln und kontrolliert in den Schmerz hineinlaufen. Nach weiteren 3 km war der Minskus auch nicht mehr zu spüren. Dafür die Füße an Stellen, die bisher eigentlich kein Problem darstellten. Und Eva, fünf Meter hinter mir, wurde ab Kilometer 10 auch immer langsamer…na, das kann ja noch heiter werden. Zum Glück ist zu keinem Zeitpunkt mit Regen zu rechnen. Das bleibt einem dann doch erspart.

Nach langen 5,5 Stunden kommen wir dann doch ans Ziel.

Zu unserer Überraschung übernachten wir heute nicht auf dem Bauernhof selbst. Der Herbergsvater hat wohl sein Geschäft erweitert und ein 100m entferntes Wohnhaus für eine Herbergserweiterung umgebaut. Auch wurde nicht wie sonst nach Ankunft der obligate Weißwein aus der Region nebst landestypischem Hartkäse gereicht. Na gut. Dafür habe ich es gerade noch geschafft, die Unterkunft Richtung Supermarkt zu verlassen. Vor dem Haus wird die Straße neu geteert, ohne dass eine Ausweichmöglichkeit besteht. Mit einem mutigen Satz kannn ich gerade noch vom Grundstück auf den ungeteerten Teil springen.

Nach dem Einkauf für die nächsten zwei Tage – bis Zamora ist dies die letzte Einkaufsmöflichgkeit – geht es in die Bar Hermandez. Eine so typische Bar für diese Gegend, genial. Zwar nicht so sauber wie in Nordeuropa, dafür ein Original. Hier kommen die Dorfbewohner abwechselnd zusammen, um bei einem Bier oder einem Kaffee das Neueste auszutauschen. Unschlagbar auch die Preisgestaltung. Ein Milchkaffee und zwei Bier = 3 Euro. Läuft.

Zurück zur Unterkunft. Obwohl ich der Teermaschine viel Zeit gelassen habe, war die doch nur bis zur nächsten Straßeneinmündung vorgedrungen. Ein Spektakel, das die Anwohner mit Argwohn betrachten. So muss ich die halbe Ausfallstraße zurück Richtung Ortseingang, um von hinten in meine Straße mit dem nun schon erkalteten Teer zu gelangen.

Versöhnlich wird es dann doch noch zum Abendessen. Die anwesenden Pilger versammeln sich in der guten Stube und die Bäuerin hat wieder ein sehr schmackhaftes Essen auf den Tisch gezaubert. Eine herzhafte Fischsuppe gefolgt von eingelegtem Tomatensalat und geschmorten Hähnchenkeulen. Genial. Dazu ein super Weißwein aus der Region. Am Tisch findet sich auch die Mitpilgerin ein, die wir am Vortag in Calzada kennenlernten. Dazu ein kanadisches Ehepaar, die seit Sevilla auf dieser Route unterwegs sind und so wie wir in spätestens drei Wochen Santiago erreichen wollen, aber über den mozzarabischen Teil der Via de la Plata — also die harte Tour.

Nach einem regen Austausch gehen wir in unsere Auslagerung zurück. Wir brauchen heute mal mehr Schlaf und Regeneratioszeit. Das Frühstück wird auf 08.30 Uhr nach hinten verschoben. Wir haben am nächsten Tag sozusagen nur eine halbe Etappe vor uns. Und auf besonderen Wunsch einer einzelnen Dame lassen wir den Plan fallen, wieder in eine – diesmal noch einfachere – Herberge zu gehen. Es wird Zeit, wieder ein eigenes Bad zu bekommen…

01.10. – Auf nach Calzada de Valdunciel

Die Pilgerreise beginnt. Wie an jedem Etappentag ist frühes Aufstehen angesagt. Salamanca schläft noch, während wir ein beliebtes Frühstücklokal um die Ecke aufsuchen, welches bereits seit 7 Uhr geöffnet ist. Hier gibt’s Formatfrühstück, für mich – nach dem ich ich mich am Vortag noch auf das Spanische gestürzt hatte – landesuntypisch ein Englisches und für Eva ein Gesundes, wobei wir bis zum Ende nicht herausgefunden haben, was außer Tomaten beim Gesunden noch enthalten war. Es war zumindest noch Kochschinken und Frischkäse sowie ein Joghurt zu sehen. Brot gab’s dazu nicht. Kohlenhydrate werden auch überbewertet, gelten in bestimmten Ernährungszirkeln als nicht gesund. Und von den komischen gold-gelben Streifen fangen wir lieber gar nicht erst an zu berichten.

Da es die erste Etappe ist, muss der Rucksack komplett neu gepackt werden, was aufgrund fehlender Routine mehr Zeit als üblich in Anspruch nimmt. So starten wir etwas später als geplant über den Plaza de Mayor Richtung Norden. Es dauert eine Zeit lang, bis wir die innerstädtischen Straßen hinter uns lassen und vor den Toren von Salamanca über Ausfallstrassen endlich auf die Piste gelangen, da haben wir schon locker 5 km hinter uns….
Etwas denkwürdig ist es ja schon, einfach so über Land- und Schnellstraßen zu gehen, aber bald sind wir auch schon auf einem Feldweg, der uns durch zwei kleinere Ortschaften führt.

Die Jakobsmuscheln, die den Pilgern den Weg weisen sollen, schlagen eigenartige Wege vor, die so nicht im Reiseführer zu finden sind. Also nehmen wir auf gut Glück mal die rechte und mal die linke Abzweigung, wird schon alles gut gehen.

Und das tut es auch. Nach ziemlich genau vier Stunden sind wir also in Calzada de Valdunciel angekommen und machen uns auf die Suche nach einer Unterkunft für die Nacht.
Bereits am Vortag haben wir bei einer Pension namens „El Pozo“ angefragt, ob es möglich wäre, ein Zimmer zu reservieren, haben auf diese Mail allerdings keine Antwort erhalten. Als wir dann persönlich vor Ort sind, sitzen vier ältere Herren vor dem Haus und sagen uns knapp, dass die Unterkunft in den Ferien ist. Ist auch besser so, weder die Herrschaften noch die Pension machen den besten Eindruck.

Also geht der Weg weiter zu einer Pilgerherberge.

Diese erscheint auf den ersten Blick ordentlich, sauber und einfach. Oscar, den Betreiber der privaten Herberge, kennen wir schon. Er kam uns ca 3 km vor Calzada auf der Via de la Plata entgegen, um für seine Unterkunft Werbung zu machen. Nach kurzer Verwirrung, da er dort nicht vorzufinden ist, kommt eine Bekannte des Besitzers vorbei, zeigt uns ein Vierbettzimmer und sagt, dass der Besitzer gleich kommt. Als dieser dann da ist, zeigt er uns zum Glück noch ein einfaches Doppelzimmer, dass wir dann auch gleich beziehen. Man muss betonen einfach: außer einem frisch bezogenen 140-cm-Bett steht da nicht viel drin. Kein Stuhl, keine geeignete Ablage. Selbst die frischen Handtücher können weder dort noch im Gemeinschaftsbad aufgehängt werden.

Nach einer kurzen Pause geht es zu einer Bar an der Hauptstraße, die, wie uns schnell klar wird, auch das Restaurant für diesen Abend darstellt.
Wir bestellen ein Wasser und zwei Bier bevor wir mit einem kleinen Abstecher in den lokalen Supermarkt wieder zurück in die Herberge gehen, denn Essen gibt es erst um 8. Um 8 sind wir dann wieder im Restaurant und es heißt, es gäbe Essen erst um 9 Uhr. Lustige Menschen sind das hier.

Letztlich ist es doch noch ein lecker Essen geworden. Vorspeise Paella, Hauptspeise Schweinebraten mit Bratkartoffeln. Und Karamellpudding zum Abschluss. Was ein richtiges Pilgermenu so ausmacht. Für 10 Euro versteht sich. Geht doch.

Nachher in der Jugendherberge wird’s noch mal spannend. Eva hat die Tierchen schon entdeckt. Das heißt nicht ganz. Sie hat sie krabbeln hören. Wie gesagt, das wird noch spannend…

30.09. – Salamanca

Nach einem für Pilger eher untypischen Frühstück in einer international ausgerichteten Bar („Erasmus“) geht das Erkunden los.
Der gestern bei Nacht besuchte Plaza Mayor sieht bei Tageslicht anders aus, irgendwie älter, altes Barock halt.

Fairerweise muss man erwähnen, dass es der größte zusammenhängende Hauptplatz im barocken Stil Spaniens ist.
Nicht viel später besichtigen wir die Kathedrale.

Die Städtebauer des Mittelalters haben klugerweise die alte Kathedrale neben der neuen stehen lassen. Da nun gerade am Sonntag in der neuen Kathedrale die Hauptmesse stattfindet, besuchen wir die alte Kathedrale und den anschließenden Kreuzgang. Die neue Kathedrale muss wegen der Messe noch auf uns warten.
Wir sehen uns die Universität an und ihre zahlreichen Verzierungen an der Eingangsfassade. Auf einem der rechten Säulen sind Totenköpfe zu sehen. Einer der Totenköpfe trägt einen Frosch auf dem Kopf. Man sagt, der Student, der diesen Frosch findet – ohne fremde Hilfe -, der wird seine Prüfungen bestehen.
Es geht weiter zum „Muschelhaus“,

dessen Fassade von über 300 Muscheln besetzt ist. Eine Legende besagt, dass hinter einer dieser Muscheln ein Goldschatz versteckt liegt. Warum hier wohl noch keine Muschel abgeschlagen wurde?
Nach einer kleinen Mittagspause besichtigen wir nun auch die neue Kathedrale und gehen direkt im Anschluss auf deren Dach. Die Aussicht ist unglaublich. Man hat beinahe einen Rundumblick auf ganz Salamanca.

Nach dieser Besichtigung gehen wir etwas weiter aus dem Stadtkern heraus, an das Ende einer sehr alten romanischen Brücke, von der aus man einen guten Blick über die Türme der Kathedralen und die große Universität hat.

Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft machen wir an einem kleinen Café im Univiertel Halt und stärken uns mit Churros und einem Bocadillo, einem typisch spanischen, belegten Baguette.
Noch ein letzter Stop vor der Pension, um Proviant für die erste Etappe zu kaufen und dann geht es zurück.
Zum Abendessen geht es in eine kleine Tapasbar neben unserer Unterkunft, in der wir uns aber nicht lange aufhalten (nur vier Cañas und zwei Tapas lang 🙂 ) da morgen ein langer Tag vor uns liegt.

Morgen beginnt unsere Wanderung, auf der von Salamanca bis Santiago de Compostela 470 km auf uns warten. Von dieser Strecke laufen wir aber voraussichtlich nur 280 km.