Es geht weiter. Eigentlich ist dies ein weiterer Ruhetag für die Beine und die Füße, und das ist auch gut so. Aber andereseits geht es heute weiter, diesmal mit dem Bus von Astorga nach Lugo und von dort nach Sarria, unserem Ausgangspunkt für den letzten Abschnitt unserer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Wir überbrücken mit dem Bus 151 km Fußweg.
Bevor es losgeht, stärken wir uns aber noch mit einem ausgiebigen Frühstück. Es ist schon vorab über deutlich wahrnehmbaren Lärm in der Unterkunft zu spüren, dass sich heute viele auf den Weg machen, die in Astorga für mehr als einen Tag Station gemacht haben. Wobei ich mich Frage, wie die das angehen. Über Nacht hat es stark geregnet, der Regen hält auch noch während des Frühstücks an. Die Vorstellung, mich jetzt bei dieser Wetterlage auf den Weg nach Foncebadón in das Hochgebirge zu machen, behagt mir überhaupt nicht. Als wir unsere Unterkunft kurz nach 10 Uhr verlassen, hat der Regen aber schon nachgelassen, das schlimmste scheint vorrüber zu sein.
Am Busbahnhof treffen wir aber dennoch überraschenderweise auf viele Pilger, vielleicht haben sich das doch einige mit Foncebadón überlegt. Es macht sich an den beiden geöffneten Busspuren ein richtiges Gewusel breit, es wird unübersichtlich, zumal es keine Anzeigetafeln gibt, die einem mitteilen, welcher Bus mit welchem Ziel als nächstes einfahren wird. Es zeigt sich dann, dass der ganz überwiegende Teil der Pilger nach Ponferrada fährt und damit zwei Etappen und das Hochgebirge überspringt.
Als dann sehr pünktlich unser Bus um 10.50 Uhr einfährt (und ich habe mich noch gewundert, da dieser hier immer mindestens 20 Minuten Verspätung hat), schmeißen wir unsere Rucksäcke in den Gepäckraum, müssen dann aber feststellen, dass wir mit unseren eTickets nicht auf der Passagierliste stehen. Mist! Bus ist ausgebucht. Hat unsere Buchungsplattform busbud die Buchung vermurkst? Einer der beiden Busfahrer bemerkt dann die Abfahrtszeit 10.50 Uhr auf unserem Ticket. Na, der kommt doch erst noch. Später halt. Also alles wieder ausladen und auf Start…
Ich gehe an den Schalter im Busbahnhof und erkundige mich nach der Verspätung für den 10.50-Uhr-Bus. 5 bis 10 Minuten. Na, dann. 30 Minuten sind es dann geworden. Das Boarding ist dann umso problemloser.
Trotz Verspätung muss man sagen, dass das Busfahren in Spanien das reinste Vergnügen ist. Das Ticket nach Lugo kostet für 178 km über die Internetbuchung 17 €. Dafür bekommt man reservierte Sitzplätze, eine funktionierende Klimatisierung sowie ein stabiles WLAN, mit dem Amazon-Unlimited oder Spielfilme problemlos zu laden sind. Darüber hinaus verfügt jeder Sitzplatz über einen eigenen Laptop, der wie ein PC für den Internetzugang oder für das Abspielen von Filmen genutzt werden kann. Kopfhörer werden kostenlos gestellt, sollte man die eigenen vergessen haben. Kurz überlegt: welchen Service bietet die Deutsche Bahn auf der Strecke Kiel-Hamburg bei einem Ticketpreis von 25 € in der 2. Klasse? Ähh, genau…nix. Häufiger mal Zugausfälle oder Ähnliches.
Wir steigen also in den Bus ein, allerdings sind wir hier nicht die einzigen. Vor uns betritt eine weitere Pilgerin den Bus und uns ist sofort klar, diese Mitreisende leidet an der hier sehr verbreiteten Pilgerverwirrung. Mit Day-Pack, Wanderstöcken und Wanderrucksack versucht sie, sich einen Weg zu ihrem Platz zu bahnen und bleibt dabei mit ihrem Gepäck bei fast jedem Fahrgast hängen, der sich in ihrer Reichweite befindet. Noch hat sie nicht herausgefunden, dass der Wanderrucksack zu groß ist, um ihn hier im Fahrgastraum in der Gepäckablage zu verstauen. Sie wird es aber später im hinteren Teil des Busses versuchen. Mehr oder weniger geduldig trotten wir also hinter ihr her und sind froh, dass wir nicht ganz hinten sitzen. Wir richten uns grade auf unseren Sitzen ein, als die verwirrte Pilgerin mit all ihren Sachen aus dem hinteren Teil des Busses wieder an uns vorbei nach vorne läuft, da ihr jemand netterweise erzählt hat, dass sie ihren Rucksack in den Gepäckraum legen muss. Sie entscheidet sich aus privaten Gründen dagegen, die nähergelegene Tür in der Mitte zu nehmen und läuft lieber nochmal alle am Gang sitzenden Leute touchierend zum vorderen Ausgang. Irgendwann hat auch sie es keuchenderweise geschafft, sitzt auf ihrem Platz, ihr Rucksack ist verstaut und wir fahren los.
In Lugo angekommen setzen Papa und ich unsere Rucksäcke erstmal auf einer Bank ab, ich bleibe bei ihnen sitzen, und er geht das Busticket nach Sarria kaufen. Währenddessen kommt unsere Bekannte aus dem Bus vollgepackt und unter ihrer Last ächzend auf mich zu geschwankt und fragt, ob ich Englisch spreche. Ich sage ja, und sie will sofort wissen, ob wir auch nach Sarria wollen und ob wir denn mit dem Zug oder mit dem Taxi dorthin fahren. Ich schaue sie ratlos an und antworte: Mit dem Bus natürlich. Jetzt ist sie wieder die Verwirrte. Ihr wurde in Astorga gesagt, es gäbe keinen Bus nach Sarria. Keine Ahnung, was ich darauf antworten soll, aber da kommt auch schon Papa mit den Tickets um die Ecke und ich versichere ihr nochmal, dass wir mit dem Bus fahren, bis sie sich dann auch auf den Weg macht, um sich zu erkundigen. Später folgt sie uns in ein Café, in dem wir uns mit den landestypischen Getränken (café con leche y cola cao) stärken und auf unsere Mitfahrgelegenheit warten. Nachdem diese eingetroffen ist und wir einsteigen, folgt sie uns mit in den Bus. In Sarria angekommen, geht sie sogar in dieselbe Richtung wie wir, ist dann aber irgendwann einfach spurlos verschwunden.
Wir treffen um 16 Uhr in Sarria ein, bringen unser Gepäck schnell in die Unterkunft und machen uns auf in die kleine, aber beeindruckende Altstadt, in der wir den restlichen Abend verbringen.


Morgen pilgern wir von hier aus ca. 22 km weiter nach Portomarin. Der Wettergott scheint gnädig mit uns zu sein. Im Vergleich zu heute sinkt die Regenwahscheinlichkeit von 90% auf 30%. Na dann. Insgesamt liegen noch 114,854 km bis Santiago de Compostela vor uns.
