19.10. – Finisterre: das Ende der Welt und unserer Pilgerreise

Heute geht es nochmal los. Wir stehen früh auf, um den Bus um 20 nach 8 zum Busbahnhof von Santiago zu nehmen. Dort holen wir die Fahrkarten für den 10-Uhr-Bus nach Cée – die letzten 13 km nach Finisterre wollen wir zu Fuß laufen – und gehen anschließend gegenüber dem Bahnhofsgebäude frühstücken. Wie immer: Tostadas con mermelada, café con leche, cola cao y dos zumos.

Als wir um 9:45 Uhr an der richtigen Station stehen, ist unser Bus auch schon da. Der Busfahrer kommt kurze Zeit später auch dazu und muss erstmal drei zusätzliche Kollegen zu sich in den Bus holen, um gemeinsam herauszufinden, wie denn das Buchungssystem und die Kommunikation zwischen seinem Diensthandy und dem im Bus installierten Terminal funktioniert. Gegen 10 Uhr steigen alle vier Fahrer triumphierend aus dem Verkehrsmittel aus und wir können einsteigen. Papa und ich haben uns natürlich abgesprochen. Während er unsere Rucksäcke im Gepäckraum verstaut, sichere ich uns zwei Plätze in Fahrtrichtung links, damit wir später einen guten Blick auf die Küste haben. Und Papa hat mir nicht zu viel versprochen. Die Aussicht ist unglaublich. In dem Moment, in dem ich die Ausläufer des Atlantik in der zerklüfteten Küste sehe, fühlt sich gleich alles ein bisschen mehr nach Zuhause an. Dieses Gefühl verstärkt sich nur noch, als wir in Cée aus dem Bus aussteigen und uns die frische, salzige Seeluft des Atlantik entgegen weht.

Nach einer kleinen Stärkung geht es dann auch schon los.

Erst laufen wir eine Weile am Wasser entlang, bis wir in das Wohngebiet von Corcubión abzweigen und weiter auf einem engen Weg zwischen zwei Häusern entlang gehen. Ohne wirklich zu sehen, wo dieser Pfad hinführt, geht es eine Weile steil bergauf, bis man oben angekommen ist und auf die Bucht von Cée hinab blicken kann. Der weitere Verlauf dieser Etappe sieht ähnlich aus: Es geht gefühlt immer weiter bergauf.

Bei km 7,9 können wir das erste Mal voll auf die Bucht von Finisterre herabblicken.

Von hier aus müssen wir nur noch den langen, weißen Sandstrand Playa da Longosteira entlanglaufen, bis wir an den Ortsrand von Finisterre gelangen. Mit nur zwei kleinen Trinkpausen haben wir die 13 km schnell hinter uns gebracht und stehen schon in Finisterre, wo es – natürlich – auch immer weiter bergauf geht, da unsere Unterkunft ausgerechnet auf dem höchsten Punkt des Ortes liegt. Dafür hat man von dort aus einen richtig guten Blick in die Bucht von Finisterre.

Nach einer kleinen Erkundungstour durch den Hafen, bei der wir ein Frühstückslokal für Samstag und Restaurants für das Abendessen ausmachen, machen wir uns auf den Weg zum Strand auf der anderen Seite der Bucht (Playa de Mar de Fóra), der direkt zum Atlantik hin liegt.

Dort verbringen wir unsere Zeit bis zum Sonnenuntergang. Diese kleine Bucht, die zur Todesküste gehört, ist unglaublich schön und erinnert mich sogar ein kleines bisschen an Irland. Den Namen hat die Küste wegen ihrer Strömung und Untiefen, die schon vielen Schwimmern, Surfern so wie Schiffen zum Verhängnis geworden sind. Doch selbst das „Schwimmen verboten“ Schild hält manche Leute hier nicht davon ab, ins Wasser zu gehen, so wie die beiden Surfer, die wir nach kurzer Zeit entdecken.

Wir setzen uns an den Strand und lassen diese atemberaubende Kulisse auf uns wirken.

Es sind nur wenige Menschen hier auszumachen. Ein paar Einheimische machen ihre Abendwanderung mit den Hunden. Der Himmel hält zwar ein paar Wolken bereit, aber dennoch bekommen wir einen wunderschönen Sonnenuntergang zu sehen.

Noch nachdem wir den Strand verlassen haben, zaubert die untergehende Sonne eine anmutende Farbgestaltung an den Himmel, die selbst auf der anderen Seite der Bucht im Hafen noch zu sehen ist. Der Himmel leuchtet in ganz wundervollen Farben. Besonders die Wolken sind sehr schön. Die rosafarbenen Polarlichter von Galicien….oder so.

Dieser Moment bedeutet nun das Ende unserer Reise, die uns über Santiago de Compostela bis ans Ende der Welt geführt hat. Zum Abschluss des Tages gehen wir in ein kleines Lokal im Hafen, das überwiegend von Einheimischen besucht ist, uns anfangs aber etwas zwielichtig vorkommt. Aber der Schein trügt wie so oft. Hier gibt es überraschenderweise doch den besten Pulpo, den Papa seit langem gegessen hat und selbst als wir schon wieder draußen sind und zu unserer Unterkunft zurückkehren, schwärmt er davon, wie gut der Pulpo war. Und ich – als scharfe Pulpokritikerin – muss zugeben, dass dies das erste Mal war, an dem mir Pulpo sowohl vom Geschmack, als auch von der Konsistenz her gefallen hat (also jetzt mal ganz abgesehen von den Saugnäpfen). Vor unserem Rückweg nehmen wir einen letzten Blick mit auf dieses wundervolle Fischerdorf am Ende der Welt…

An unserer Unterkunft stehen bereits drei Österreicher vor der Tür und versuchen schon seit geschlagenen fünf Minuten mit ihrem Schlüssel die Tür zu öffnen. Nachdem wir eine Weile daneben stehen und zusehen, schreitet Papa ein. Problem erkannt und behoben: Der Österreicher, der an der Tür war, hat penetrant versucht, die Schiebetür nach links aufzuschieben, es war nur keine Schiebetür, er hätte einfach drücken müssen.

Morgen geht es dann mit dem Bus zurück nach Santiago und Montag weiter über Madrid zurück nach Deutschland. Jetzt heißt es, die letzten Tage und Stunden in vollen Zügen zu genießen und einem nochmal vor Augen zu führen, zu welchen Erkenntnissen wir auf unserer Reise gekommen sind.

Epilog

Ich bin mit der Erwartung hier her gekommen, mich in irgendeiner Weise selbst zu finden und ich gehe mit dem Wissen, dass es im Leben nicht darum geht, sich selbst zu finden, sondern sich selbst zu kreieren. Dass ich selbst entscheide, wie andere mich sehen und wahrnehmen. Dass ich mein Leben ändern kann, wenn mir etwas daran nicht gefällt. Und dass, wie aussichtslos eine Situation auch manchmal scheinen mag, es nicht das Ende bedeutet. Man sollte sich besser nach dem richten, was ich vor einiger Zeit mal auf einer Serviette von Steiskal gelesen habe: Lieber genießen und bereuen, anstatt bereuen, nicht genossen zu haben (universell betrachtet; nicht nur auf Nussschnitten und Bienenstiche bezogen). Man sollte immer das beste aus einem Moment machen und wenn etwas schief läuft, dann läuft es eben mal schief. Aber dann lernt man eben daraus, nimmt die Erfahrungen mit und macht es nächstes Mal besser. Denn das Leben geht weiter, ob mit oder ohne einen. Mir hat diese Reise gezeigt, was ich in meinem Leben ändern möchte. Und ich schätze, jetzt geht es darum, mich von der Person zu lösen, die ich war und die Person zu werden, die ich sein will. Und dabei werde ich manchmal wohl auch scheitern, aber ich weiß jetzt, ich kann entweder stoppen und auf der Strecke zurückbleiben oder mich wieder aufrichten und es nochmal versuchen. Dinge passieren und wenn sie passiert sind, dann sind sie passiert. Es liegt an jedem selbst zu entscheiden, ob man sich damit aufhält oder darüber steht.

Das Leben geht weiter.

18.10. – Santiago de Compostela 2.0

Diejenigen, die hier ankommen reisen selten gleich wieder ab. So bleiben wir auch noch einen Tag.

Zum Abschluß einer Pilgerreise in Santiago gehört der Besuch der Pilgermesse. Diese findet jeden Tag um 12 Uhr statt. Da diese immer gut besucht ist, finden wir uns bereits eine Stunde vorher in der Kathedrale ein.

Die Sitzplätze sind schon zur Hälfte belegt. Wir finden im Querschiff zum Südportal noch zwei Plätze.

Die frühe Einkehr bietet auch die Gelegenheit, diese mächtige romanische Kirche auf sich wirken zu lassen. Während die markante, westliche Barockfassade aus dem 17./18. Jh. stammt, ist die dahinter liegende Kirche bereits im 11./ 12. Jh. im romanischen Stil entstanden, die Barockfassade wurde später einfach nur davor gesetzt. In den Jahrhunderten erfuhr die Kathedrale mehrfache Erweiterungen in verschiedenen Stilrichtungen. Mit der heute 23.000 qm umfassenden Grundfläche ist sie wohl einer der größten romanischen Kirchen der Christenheit überhaupt.

Die Kathedrale füllt sich zunehmend. Das Touristen-Bashing beginnt. Viele, die jetzt erst kommen, finden natürlich nur noch Stehplätze, was angesichts der Größe des Hauses überhaupt kein Problem darstellt. Aber auch diese Touris wollen sitzen, insbesondere in der Hoffnung, an der späteren Flugbahn des Weihrauchfasses zum Sitzen zu kommen (falls es zum Einsatz kommen sollte, was nicht sicher ist). So beginnt ein Verdrängungs- und Zusammenquetschungsprozess („Sie können doch sicher noch aufrücken, oder?“), um den schon fast eine Stunde belegten Platz zu verlieren an den schlauen Touri, der sich noch einen zweiten Milchkaffee gönnte…

Immer wieder ertönen Lautsprecherdurchsagen, doch bitte leiser zu sein. Viele der Anwesenden wissen mit der Würde des Hauses nichts anzufangen. Genau so wie auf dem Camino selbst. Hier wird weiter gebrabbelt. Einige erscheinen auch in kurzen Hosen und Sandalen. Macht ja nix, ihr armen Pilger. Über das Handy- und Filmverbot in der Kirche muss ich dann auch nichts weiter ausführen.

Der Ablauf der Messe folgt der strengen katholischen Liturgie. Hier kommt noch die Besonderheit dazu, dass eine Nonne die Zwischenansprachen und Gesangseinlagen übernimmt, was der Pilgermesse ein kaum beschreibbares friedliches Antlitz verschafft. Die Stimmung lädt ein zu meditieren, wenn da nicht der liturgisch bedingte ständige Wechsel zwischen Stehen, Sitzen und Knien wäre.

Der Höhepunkt der katholischen Messe ist das gemeinsame Abendmahl. Dazu müssen diejenigen, die teilnehmen möchten, zum Altarraum vorgehen und die Hostie in Empfang nehmen. Auch das folgt einem festgelegten Ritual. Man geht in der Mitte zwischen den Bänken nach vorne, um nach Einnahme der Hostie zur Seite und außen an den Bänken zurück zu gehen. Wenn das jeder so macht, kommt sich niemand in die Quere und jeder landet wieder ohne Gedränge am eigenen Platz. Einige schaffen es dennoch, sich in der Mitte gegen den Strom zum Platz zurück zu kämpfen. Ausnahmslos Deutsche wie wir feststellen müssen. Na, im Religionsunterricht nicht aufgepasst, das kommt davon.

Und dann kommt das Weihrauchfass, der sog. Botafumeiro, doch noch zum Einsatz. Am Ende des Abendmahls sehe ich zwei Messdiener links von mir die Sakristei verlassen. Mit dem Weihrauch und der brennenden Kohle bahnen sie sich den Weg durch die stehenden Besucher. Irgendwann wird es schon an diesem Punkt mal zu Verbrennungen kommen. Der Butofumeiro ist knapp 70 kg schwer, 160 cm hoch und hängt an einem 35 m langen Seil über dem Altarraum mittig zum Querschiff.

Der Mittelgang des Querschiffs wurde bereits vor der Messe abgesperrt. Der Aufenthalt dort ist zu gefährlich, zweimal hat er sich beim Durchschwingen bereits vom Seil verabschiedet…Und ich sitze direkt am Mittelgang :-/

In den früheren Jahrhunderten diente das Schwenken des Weihrauchfasses dem Vertreiben des strengen Geruchs, den die Pilger nach monatelanger Wanderschaft mitbrachten. Heute ist es ein Spektakel, wenn das Weihrauchfass fast die Decke des Mittelschiffs berührt.

Und diesmal saß ich auch noch direkt in der Flugbahn…

Im Anschluss an die Pilgermesse ist es Ritus, in den kleinen Raum hinter dem Altarraum hoch zu steigen, um die große, vergoldete Jakobusbüste von hinten zu umarmen. Dabei darf man sich etwas wünschen. Mit diesem Ritual ist die Pilgerreise dann endgültig abgeschlossen. Angesichts des großen Andrangs verzichten wir heute darauf und werden dies nachholen, wenn wir am Samstag wieder nach Santiago zurückkehren. Bevor wir die Kathedrale verlassen, besuchen wir noch das Grab des Heiligen Jakobus unter dem Altarraum. Ob hier wirklich die Gebeine des Apostels liegen, ist nicht überliefert, was aber dem Jakobuskult bisher nicht geschadet hat.

Den Rest des Tages verweilen wir in der beeindruckenden Altstadt von Santiago und immer wieder vor dem Westportal der Kathedrale.

Der spirituelle Rundgang um die Kathedrale, der für 18 Uhr ansteht, fällt aus. Wir finden uns zwar vor dem Nordportal ein, sonst aber niemand. Dann eben nicht.

Morgen geht es wieder früh raus. Es steht noch eine Etappe an das Ende der Welt aus. Finis Terrae wie die Römer diesen Flecken Erde früher ehrfürchtig nannten. Weiter westlich geht es dann nicht mehr, jedenfalls nicht zu Fuß.

17.10. – Santiago de Compostela

Nun ist es soweit. Ein neuer Ablauf auf Santiago beginnt. Zunächst sind wir aber auf der Suche nach dem Frühstück. Hieß es noch am Vortag, im Gemeinschaftsraum stünde alles bereit, steht da heute Morgen immer noch dasselbe wie gestern. Also eine Tassimo-Kaffeemaschine und ein selbstgebackener Marmorkuchen. Ach, nach näherem Hinsehen finden wir noch Cornflakes und H-Milch, letztere in der mageren und der fetten Version. Aha, das sollte das Frühstück sein…Na dann.

Mit Blick auf die heutige Ausrüstung sind wir unschlüssig. Es ist später am Tag Regen angekündigt. Beim Blick aus dem Dachfenster sehen wir tief hängende Wolken, Richtung Westen tiefschwarz. Also Regenkleidung raus. Das Umrüsten auf freier Strecke ist ein Risiko. Der Regenschauer kann so schnell zuschlagen, dass du richtig nass wirst. Danach bist du im weiteren Verlauf von innen und außen nass.

Wir verlassen Pedrouzo gegen 9 Uhr und nehmen gleich eine Abkürzung über die N-547 Richtung San Anton. Das spart schon mal 1000 m.

Im weiteren Verlauf entpuppen sich die anfänglich tiefhängenden Regenwolken als ein Hochnebel. Es wird erst einmal nicht regnen. Bei unserer ersten Pause bei km 8 in Lavakolla

packen wir die Regenkleidung wieder weg. Die Sonne will aber nicht herauskommen. Im Gegenteil, mit jedem weiteren Kilometer wird es dunkler. Immer diese Unentschlossenheit. Wir bleiben dabei und gehen ohne Regenkleidung weiter. Das muss reichen bis Santiago. Und wenn, dann ist es jetzt auch egal.

Wie schon bei vormaligen Etappen von Pedrouzo nach Santiago fallen hier besonders die ganzen brabbelnden Pilger auf. Ich weiß nicht, woran das liegt, dass kurz vor Santiago alle so aufdrehen. Gerade in den Wäldern hinter Pedrouzo mit den hohen Bäumen existiert eine besondere Akkustik, die alles verstärkt. Aber ich werde auch ermahnt, andere so pilgern zu lassen, wie sie möchten. Mir kommt es allerdings in der Version wie ganz normales Wandern von Touristen vor. Vielleicht ist es das auch. Wer pilgert heute schon aus höheren Motiven? Im Pilgerbüro später beim Ausstellen der Compostela muss jeder seine persönlichen Daten angeben und mitteilen, aus welchen Gründen der Camino gegangen wurde. Da stehen zu meiner Überraschung zu 90% die Kreuze bei „aus religiösen Gründen“ (zumindest auf der mir gezeigten Liste). Wer hätte das gedacht.

Bevor wir unsere Pause in Lavacolla einlegen können, müssen wir jedoch von Amenal bis zum östlichen Rand des Flughafens einen steilen Anstieg bewältigen. Und auf der anderen Seite des Flughafens noch einmal lang anhaltend aufwärts laufen. Es geht auch danach bis San Marcos scheinbar immer nur bergauf. Dies macht die Etappe so einzigartig. Man wähnt sich dem Ziel so nah und es nimmt kein Ende mit den Steigungen. Selbst am Ortsrand von Santiago angelangt, geht es 4 km bis zum Stadtzentrum immer weiter aufwärts.

Der Flughafen muss heutzutage nördlich umlaufen werden, die historische Route verläuft mitten über das Rollfeld. Dies erklärt auch die falschen Angaben auf den Wegsteinen auf dieser letzten Etappe. Um den Flughafen herum hat man die alten Wegsteine – warum auch immer – stehen lassen, es fehlen rd. 3 km. Später ab Lavacolla hat man die Steine gleich ganz weggelassen. Auch dies führt dazu, dass diese Etappe subjektiv nie enden will, man weiß am Ende nicht so recht, wie weit es noch ist.

Aber irgendwann kommen wir doch an. Das anfänglich sehr geschlossene Feld an Pilgern hat sich zum Ende hin völlig aufgelöst. So kommen wir fast alleine an der Porta de Camino an,

dem Eingang zur Altstadt von Santiago. Nun geht es Schlag auf Schlag. Hier kennen wir fast schon jeden Pflasterstein. Wie jedes Mal laufen wir bei schottischer Dudelmusik auf den Praza do Obradoiro ein. Es ist mit Worten kaum zu fassen, wenn man nach vielen Tagen des Pilgerns auf den Vorplatz der Kathedrale tritt und die westliche Fassade mit den beiden Türmen erblickt. Der Anblick und die friedliche Stimmung halten einen minutenlang gefangen. So, als möchte man diesen Ort vorerst nicht mehr verlassen. Und man kehrt hierhin immer wieder zurück…

Nach dem üblichen Einlauffoto fängt es nun doch an zu regnen. Wie pünktlich. Wir machen uns auf den Weg zu unserer Unterkunft, die wie immer am Praza de Galicia liegt und lassen den Tag nach einem Abstecher über das Pilgerbüro, wo wir die Compostela abholen, gemütlich in der Altstadt ausklingen.

16.10. – Pedrouzo

Heute morgen müssen wir uns unser Frühstück wieder selbst organisieren und wir werden zum wiederholten Male enttäuscht. Das Café Teatro sollte laut des Schildes, das gestern Abend draußen stand, bereits um 7:30 Uhr geöffnet haben. Um 7:45 Uhr stehen Papa und ich vor einem geschlossenen Lokal. Das Problem ist schnell gelöst und wir gehen in das Café Praza auf der anderen Straßenseite, wo Papa auch all die anderen Male, die er hier war, gefrühstückt hat. Allerdings ist die Bedienung etwas eigenartig, was besonders auffällt, als sie unser Trinkgeld brüsk zurückweist.

Mit dem Sonnenaufgang um 8:45 Uhr gehen wir an unserer Unterkunft los. Kurze Zeit später blinzeln die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume hindurch. Die Sonne wird uns den ganzen Tag mit einem wolkenlosen Himmel begleiten.

Zum Mittag hin wird es immer wärmer, bis wir sogar 22°C erreichen. Die Etappe ist 19 km lang und gleich zu Anfang haben wir das Gefühl, irgendwo falsch abgebogen zu sein, als auf den Kilometersteinen nicht mehr die Kilometeranzahl bis Santiago, sondern „Coplementero“ steht. Im Endeffekt macht es aber keinen Unterschied und wir legen trotzdem die gleiche Distanz zurück. Erneut ging es überwiegend bergauf und gleich darauf wieder bergab. Meine Knie sind nicht begeistert, Papa noch weniger.

Bei km 7,2 kommen wir an einem Biergarten vorbei. Offensichtlich werden hier die leeren Bierflaschen einfach im Garten abgestellt.

Einen Kilometer weiter in Ferreiros legen wir unsere erste große Pause ein. Das Wetter wird immer besser, die Temperaturen steigen weiter an.

Die KoPis sind teilweise wieder aus ihren Löchern gekrochen gekommen, was den Lautstärkepegel auf der heutigen Route erklärt. Sehr penetrant sind zwei Franzosen, die sich dazu entschieden haben, während des Wanderns zu telefonieren. Irgendwann bleiben wir einfach stehen und geben den beiden um die 50 m Vorsprung. Als wir nach unserer ersten Pause weiter gehen, dauert es nicht lange, bis wir die beiden wieder an den Hacken haben. Das kann ja noch was werden. Glücklicherweise treffen wir sie doch nicht wieder. Dafür haben wir eine Zeit lang ein enthusiastisches Läuferduo neben uns her gehen, die mit ihren Lautsprechern alle Pilger an ihrer sehr gewöhnungsbedürftigen Musik teilhaben lassen. Und selbst, wenn sie morgen auf einem Bein nach Santiago hüpfen müssen, werden sie morgen ankommen, fuck yeah.

Kurz vor Pedrouzo kommen wir am 21,510-km-Wegstein vorbei – meinem persönlichen Wegstein 🙂

In Pedrouzo angekommen, geht die Suche nach unserer Unterkunft los. Kann ja niemand ahnen, dass es gleich mehrere Hausnummern 34 in derselben Straße gibt.

Irgendwann haben wir sie aber gefunden und werden sehr nett empfangen und in den Ablauf am nächsten Morgen unterwiesen (Frühstück selber machen, ok, da steht schon wieder eine Tassimo-Kaffeemaschine…).

Die Wahl des Lokals, in dem wir heute unser Abendessen einnehmen, zieht sich ein bisschen. Unsere Erstwahl, die wir schon beim Betreten des Ortes getroffen hatten, liegt ganz am Anfang von diesem und als wir dort ankommen, wird uns sofort gesagt, Essen gäbe es erst in einer Stunde. Was nun? Entweder Zeit totschlagen und in einem anderen Lokal ein, zwei Cañas bestellen oder gleich woanders essen. Die zweite Möglichkeit wird es am Ende und wir landen in einem Restaurant mit einem sehr netten und unterhaltungsbedürfdigen Kellner.

Später gehen wir noch in eine Bar, um uns das Spiel Weltmeister gegen In-der-Vorrunde-ausgeschieden anzuschauen und werden direkt wieder mit Tapas willkommen geheißen.

Morgen steht uns unsere letzte Etappe bevor. Es geht auf die letzten Meter zu. Noch 19,7 km und dann werden wir in Santiago sein. Das Wetter soll Überraschungen bereithalten, aber hoffen wir mal, dass es nicht wie angekündigt gegen Mittag regnet. Wir wollen immerhin bei Sonnenschein einlaufen.

15.10. – Arzúa

Noch 52,5 km bis Santiago de Compostela. Einschließlich heute noch drei Tage bis zu einer der drei bedeutendsten Wallfahrtsstätten der Christenheit. Eine leichte Anspannung macht sich breit.

Noch müssen wir uns aber durch das Wetter kämpfen. In der Nacht hatte es wieder heftig geregnet und jetzt während des Frühstücks sieht es nicht sehr heimelig draußen aus. Der Regenradar für diesen Vormittag verheißt nichts Gutes.

Wir beschließen, länger zu frühstücken. Für den späten Vormittag soll sich das Wetter etwas beruhigen. Das beschert uns dann gleich die ganze Aufmerksamkeit des Oberkellners. Ein paar Brocken Deutsch kann er auch, wobei er zunächst meinte, ob wir Spanier sind. Unsere Konversation auf Spanisch hat uns vorab nicht verraten. Umso überraschter war er, dass wir aus Deutschland kommen. Ab diesem Zeitpunkt versucht er, uns länger beim Frühstück zu halten und fährt jegliche Kaffeespezialität auf, die die Küche hergibt. Wenn wir nicht schon satt wären, dann hätte er uns noch mehr kredenzt.

So kommen wir heute erst um kurz nach 10 Uhr recht spät auf den Camino. Nachdem wir rd. 1,5 km vom östlichen bis zum westlichen Ortsrand von Melide laufen, gehen wir beim Wegstein 51,629 km auf die Piste.

Uns erfasst gleich der ganze Zauber des Caminos. Wir sind fast allein unterwegs. Außer den Vögeln, den Tieren auf den Bauernhöfen und einem gelegentlichen Pilger, der an uns vorbeizieht, hören wir nichts…Wie bereits am Vortag macht sich eine atemberaubende Stille breit. Die KoPis scheinen vollständig verschwunden, wahrscheinlich hat der zweite Regentag in Folge ihnen den Garaus gemacht.

Irgendwo in einem Waldstück laufen wir am 50-km-Wegstein vorbei, nehmen diesen aber nicht bewusst wahr. Es geht meditierend vorwärts. Der späte Start heute war goldrichtig. Die meisten Pilger sind vor uns unterwegs und wie angekündigt, klart das Wetter schon bei km 5 leicht auf. Wir legen unsere große Pause in Castañeda bei km 6,3 ein und für einen Augenblick sehen wir die Sonne.

Auch wenn dieser Abschnitt mit 12,6 km recht kurz ist, glänzt er mit einem ausgeprägten Höhenprofil. Wir müssen gerade im zweiten Teil nach der Pause steile und lange Anstiege bewältigen. Oben angekommen geht es auch schon wieder bergab. Es festigt sich der Eindruck, dass jedem Abstieg ein gleich großer Anstieg folgt. Ein ewiger Kreislauf. Die Knie freuen sich.

Kurz vor Arzúa kommen wir durch das idyllische Ribadiso da Baixo und machen noch einmal kurz Rast. Zwischenzeitlich konnten wir die Regenausrüstung wieder verstauen. Der Wettergott ist gnädig mit uns.

Gegen 14:15 Uhr erreichen wir den Ortsanfang von Arzúa und laufen noch rd. einen Kilometer durch den Ort,

bis wir um 14:30 Uhr nach 12,59 km an unserem heutigen Ziel eintreffen.

Die gestrige Bayernwahl hat es hier auch in die Nachrichten geschafft, aber nur mit dem Stichwort einer Schwächung der Bundeskanzlerin Merkel.

Bei Licht betrachtet zieht Normalität in Bayern ein, der Anachronismus in der deutschen Parteiengeschichte einer Bayrischen Regionalpartei mit bundespolitischem Anspruch wurde nun endlich korrigiert. Ob jetzt allerdings alles besser wird, wenn die CSU mit der CSU koaliert? Das dürfte die Ränder nur weiter stärken, so wie die GroKo es in Berlin auch geschafft hat.

Interessant auch die Datenanalyse von infratest dimap zur Wählerwanderung. Danach sind insbesondere der CSU und SPD ehemalige Wähler abhanden gekommen, da diese seit der letzten Wahl verstorben sind, ohne dass in gleichem Umfang neue hinzugewonnen werden konnten. Und die SPD wird danach offensichtlich überwiegend nur noch von älteren Menschen (Ü60) gewählt. Letzteres wundert mich nicht wirklich, wenn man sich die eine oder andere Ortsvereinssitzung der Genossen vor Augen führt. Welcher junge Mensch sollte das attraktiv finden? Den Volksparteien – oder besser: den ehemaligen Volksparteien – scheint das Gespür für gesellschaftliche Entwicklungen neuerdings zu fehlen.

Nun aber zurück nach Spanien. Große Ereignisse stehen auf dem Programm. Heute spielen Spanien und England gegeneinander. Das wird auch ein Spaß…

14.10. – Melide

Es regnet. Gestern Abend als wir nach dem Abendessen grade durch die Tür zur Unterkunft gegangen sind, hat es plötzlich damit angefangen zu schütten. Wir haben das gerade noch so trocken nach Hause geschafft. Und als wir heute morgen aufstehen, regent es immer noch. Es hat die ganze Nacht durchgerechnet, teilweise sehr heftig, mit Gewittern. Erst in den Morgenstunden hat es etwas nachgelassen. Der Boden auf dem Weg wird sehr aufgeweicht sein.

Nach einem – für mich – etwas nervösen Frühstück, da die Besitzerin der Pension einem ständig dazwischen fummelt, machen wir uns auf den Weg. Es ist extrem nebelig, die Wolken hängen tief. Papa sagt, die Luftfeuchtigkeit beträgt nahe 100%. Noch bevor wir Palas de Rei verlassen haben, rutscht er fast auf einem Gullideckel aus und jagt mir damit den Schrecken des Tages ein.

Die Etappe ist heute nur 13 km lang, aber zu Papas Unmut geht es lange bergauf, was er nicht besonders willkommen heißt. Ich hingegen finde bergauf gehen ziemlich gut, solange ich nicht dorthin gucke, wo ich hin will: nach oben.

Die KoPis sind heute wie vom Erdboden verschluckt. Dafür gibt es verschiedene Möglichkeiten. Möglichkeit 1: Die sind wie immer um 08.30 Uhr auf die Piste gegangen und vor uns längst über alle Berge. Möglichkeit 2: Die haben sich entschieden, angesichts der Wetterlage auszuschlafen und mit dem Bus zur nächsten Station zu fahren. Da wir nirgendwo etwas von ihnen sehen, weder in Cafés auf dem Weg noch am Zielort, entscheiden wir uns für die sehr wahrscheinliche Möglichkeit 2. Es sind also nicht nur KoPis, sondern auch SchöPis (Schönwetter-Pilger). Jetzt wird’s komplex. Aus KoPis und SchöPis noch die richtige Abkürzung zu kreieren wird schwierig. KoSchöPis? Klingt doof. Wer dies liest und eine Idee für eine griffige Abkürzung hat, möge sich melden.

Der Regen mit der Folge des Ausbleibens der KoPis führt aber dazu, dass eine atemberaubende Stille auf dem Camino francés herrscht. Wer hätte das gedacht. Geht doch. Das schlechte Wetter hat sie wohl alle vertrieben. Dafür sehen wir heute tatsächlich eine Staffel waschechter Pferdepilger. Das beeindruckt sogar die Einheimischen.

Nach einem relativ kurzen Pilgertag erreichen wir um 14 Uhr den Stadtrand von Melide,

die Stadt mit dem angeblich besten Pulpo ganz Spaniens. Den werden wir (und mit wir meine ich hier Papa, weil ich Pulpo echt nicht mag) definitiv später essen.

Nachdem wir ein paar Tapas an der Bar unserer Unterkunft gegessen haben, begeben wir uns in die landestypische Siesta, nur um danach zur Pulperia zu gehen. Direkt fällt auf: Wir werden nicht so herzlich begrüßt wie Papa und Rebecca, als sie vor zwei Jahren hier waren. Papa nimmt einen mittleren Teller Pulpo und ich eine Tortilla, mit der ich sehr zufrieden bin. Papa ist leider etwas enttäuscht. Anscheinend haben nicht nur der Service, sondern auch die Kochkünste hier abgenommen. Mein Nachtisch soll ein Vanillepudding sein. Ob es wirklich einer ist, kann ich nicht wirklich beurteilen. Sieht auf jeden Fall interessant und abenteuerlich aus.

Morgen geht es wieder auf eine kürzere 13-km-Etappe, die allerdings auch hügelig werden soll. Und es wurde für den ganzen Vormittag wieder Regen angesagt. Das schreckt uns nicht, wir sind ja nicht aus Zucker 😉

13.10. – Palas de Rei

So, jetzt kommt die Etappe mit den 25 km nach Palas de Rei. Das dritte mal gehe ich diese schon. Es ist ein Abschnitt, der zum Ende hin scheinbar nie aufhören will, die letzten Kilometer werden zäh und schleppen sich ohne Sinn dahin. Jedenfalls war das bisher so. Und für heute war auch noch Regen angesagt.

Erfreulicherweise ist der Regen ausgeblieben. Als wir uns zum Sonnenaufgang um 08.45 Uhr auf den Weg machen, ist es zwar bewölkt, es weht aber ein milder Wind bei jetzt schon 20°C. Da können wir vorerst die Regenausrüstung im Rucksack lassen.

Um uns herum quillt es nur so aus den Häusern. Aus allen Richtungen und Ecken Portomaríns machen sich Pilger auf den Weg. In dem kleinen Waldstück am Rande von Portomarín, in dem es gleich 15 Minuten steil bergauf geht, rauschen Massen an uns vorbei, der kleine Weg kann stellenweise nicht alle Pilger gleichzeitig fassen. Die ersten stehen schon am Wegesrand, um sich umzuziehen, klassische Fehleinschätzung zur Ausrüstung bei der Wetterlage und dem zu bewältigenden Höhenprofil. Von hinten klingeln uns zu allem Überfluss die Fahrradpilger an, so als hätten diese Vorfahrt und die Fußpilger müssten sofort zur Seite springen. Hier ist nur kein Platz. Gut, man könnte sich noch die Böschung runterschmeißen…

Es geht zu wie in einer Uni-Großstadt mit vielen Fahrradfahrern, in der Fußgänger oftmals gefährlich leben, da die Fahhradfahrer keine Rücksicht auf diese nehmen. Was das hier mit besinnlich-andächtiger Pilgerschaft zu tun hat, ist mehr als fraglich. Jedes Mal, wenn eine Fahrradklingel hinter einem >Ping< macht, schreckt man unwillkürlich zusammen. Es fehlen nur noch die Pferdepilger, die habe ich diesmal noch nicht gesichtet.

Und wo sind die gemeinen Fußpilger geblieben? Die Massen um uns herum, sind alles andere als normale Fußpilger. Noch weniger als gestern haben einen Rucksack auf dem Rücken. Ganze Busladungen trollen sich hier im Wald bei Portomarín den Berg hoch. Ich nenne sie ab sofort die KoPis (Koffertaxi- Pilger). Diese hier sind aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem ehemaligen Great Britain und Irland. Alles überwiegend englischsprachige KoPis. Anders als in den Vorjahren treffen wir kaum deutsche Pilger. Seltsam. Alles anders diesmal.

Es stellt sich auch die Frage, was die hier machen? Wandern können sie auch woanders, im Teutoburger Wald zum Beispiel. Dort können sie zu Hermann dem Cherusker pilgern (oder Armin, wie er richtig heißt, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte).

Es dauert über zwei Stunden, bis sich das Feld auseinanderzieht.

Die Radpilger sind >Gott sei Dank!< aufgrund ihrer Geschwindigkeit schnell weg. Die ganzen KoPis rennen so dermaßen schnell den Berg hoch, dass sie im nächsten Café einkehren müssen, um den Kreislauf abzukühlen und ein paar Donuts einzuschieben. Da können wir dann locker vorbeiziehen. Wir erinnern uns: Die Letzten werden die Ersten sein.

Bei km 8 in Gonzar legen wir unsere erste große Pause ein. Eva stärkt sich mit einem Schokocroissant. Damit ist sie, wie sich kurz darauf zeigt, eindeutig im Vorteil. Beim anschließenden steilen Anstieg auf Hospital da Cruz (km 12) zieht sie locker an mir vorbei, irgendwann habe ich sie aus dem Blick verloren. Das kann ja noch heiter werden. Morgen bekomme ich auch ein Schokocroissant….

Unterwegs müssen wir den einen oder anderen Pilger wieder einfangen. Einige laufen hartnäckig an den deutlich sichtbaren gelben Pfeilen vorbei. Andere rufen diesen hinterher: viel Spaß in Madrid.

Im zweiten Teil der Etappe tritt der eingangs erwähnte Effekt ein. Es zieht sich. Auch wenn wir noch Pausen einlegen. Es wird zäh. Gut, dass das Wetter hält. Es hat sich weiter aufgeklart, ab Mittag kommt sogar die Sonne raus, die Temperaturen klettern auf 24° C.

Nach langen 7 Stunden und 30 Minuten für 23,1 km kommen wir dann endlich in Palas de Rei an unserer Unterkunft an.

Über Palas de Rei lässt sich nicht viel berichten. Es ist ein Ort mit knapp 3.500 Einwohnern. Der Name deutet auf einen Königspalast hin, wobei nicht überliefert ist, ob es diesen an dieser Stelle je gegeben hat.

Nach einer Erstversorgung konzentrieren wir uns dann schon gleich auf die Vorbereitung der nächsten Etappe nach Melide am Sonntag. Diese Etappe ist zwar mit 16 km kürzer als die letzten beiden, aber nun soll es doch sehr nass werden – während ich dies schreibe, hat es draußen schon angefangen zu regnen und zu gewittern. Ggf. müssen wir morgen später losgehen in der Hoffnung, dass der Regen irgendwann nachlässt. Dennoch wollen wir deutlich vor 18 Uhr dort eintreffen, um die Wahlberichterstattung zur historischen Bayernwahl zu verfolgen. Das wollen wir doch nicht verpassen und live erleben, wie diese Helden einer bayrischen Regionalpartei mit bundespolitischem Anspruch mit großer Wahrscheinlichkeit abgewählt werden. Das dürfte einen Einschnitt in der bundesdeutschen Parteiengeschichte markieren. Das wird ein Spaß.

Und danach geht es in eine der besten Pulperias ganz Spaniens. Genau, diese befindet sich hier in Melide/Galicien 🙂

12.10. – Portomarín

Das Aufstehen ist mal wieder eine Hürde. Als Papa schon um 6:50 Uhr aufsteht, schlafe ich noch. Um Viertel nach sieben kriege ich ein scharfes „Willst du nicht mal aufstehen?!“ zu hören, drehe mich nochmal im Bett um und frage, ob er gestern nicht gesagt habe, wir können uns Zeit lassen, da diese Unterkunft Frühstück anbietet und wir die Unterkunft im nächsten Zielort schon reserviert haben. Ja, aber er habe auch gesagt, wir würden um halb acht essen gehen. Na super.

Um ca. 7:40 Uhr sind wir dann beim Frühstück. Ich bin erschrocken, wie viele Pilger hier sind… und wie dreist sie über das Rührei herfallen. Es ist grade eine neue Portion aus der Küche eingetroffen und schon ist sie wieder leer. Das Ding dabei ist: Es haben sich nur zwei Leute Rührei aufgetan. Ich bin eigentlich immer noch am Schlafen und bekomme nicht wirklich etwas mit, zumal ich in der Ecke mit dem Rücken zum Rest der Pilger sitze.

Um 8:45 Uhr verlassen wir die Unterkunft und wollen grade los, als uns ein Mann (vermutlich ein Lehrer), der beim Frühstück volle Kanne mit den Händen in den Käse gegriffen hat, nach dem Weg auf dem Camino fragt. Als ob um ihn herum nicht 15 Pfeile und Muscheln wären, die ihm die Richtung zeigen. Unsere Etappe heute starten wir ungefähr wie Rocky; mit einer elend langen Treppe, die kein Ende zu nehmen scheint und danach, zwar ohne Stufen, aber immer noch sehr steil, weiter bergauf in die Altstadt von Sarria geht.

Wir verabschieden uns von Sarria oberhalb der Innenstadt mit einem Blick über die Stadt.

Wir geraten in einen Strom voller Pilger, die sehr multitaskingfähig sind. Gleichzeitig laut tratschen und meditieren – so etwas könnte ich auch gerne. Es sind Pilger, die gar keine sind. Und irgendwie laufen die hier komischerweise alle ohne Rucksack herum. So wie wir – mit vollem Gepäck – ist nach erstem Anschein eine Minderheit von rd. 10% der Pilger unterwegs.

Schon seit Astorga fallen mir in unseren Unterkünften immer wieder große Koffer-Sammlungen auf, die einfach wahllos in den Eingangsbereichen der Unterkünfte stehen. Papa erklärt mir warum. Es gibt Menschen, die im Rahmen einer kommerziell organisierten Reise hier auf dem Jakobsweg unterwegs sind und sich die Koffer mit einem Koffertaxi von Ort zu Ort fahren lassen, während sie selber mit einem kleinen Day-Pack die Etappe hinter sich bringen. Die Koffertaxi fahren zu den jeweils möglichen Zwischenstopps mit. Wenn es diesen Wanderern zu anstrengend wird, steigen sie auf den Bus um und am Ende kriegen sie trotzdem noch das begehrte Pilgerzertifikat, die sog. Compostela. Ich nenne das Cheaten.

Aber zurück zu unserer 22,7 km langen Etappe. Zwischenzeitlich treffen wir auf ein bekanntes Gesicht: ein Mann, der in Astorga beim Frühstück hinter uns saß. Später grüßt mich unsere verwirrte Mitreisende aus dem Bus nach Sarria. Bei km 14,6 passieren wir den 100-km-Wegstein (noch 100 km bis Santiago), der heute auch an der richtigen Stelle steht. Bis vor ein paar Jahren stand er ca. 3 km weiter zurück. Aber das ist eine andere Geschichte, die Papa besser kennt.

Die Etappe geht sehr auf die Knie, es geht immer wieder rauf und runter. Nach Auswertung der GPS-Daten liegt der durchschnittliche Höhenunterschied bei 424 m. Zuletzt, kurz vor Portomarín, gehen wir einen „Hügel“ herunter, in dessen Mitte ich Pause machen muss, weil mir meine Gelenke so weh tun. Wo das Gefälle 100% beträgt, ist schlecht laufen… Die Etappe kommt mir irgendwie kürzer vor als sie ist. Zumindest so lange, bis wir in Portomarín ankommen und ich all meine Knochen und Muskeln spüre. Und schon wieder eine Treppe am Eingang der Stadt, es nimmt kein Ende. Zum Glück liegt unsere Unterkunft 100 m hinter der Treppe.

Die Unterkunft ist sehr schön und die Servicekräfte nett. Wir haben zwar nur einen Mitarbeiter kennengelernt, aber der ist trotzdem nett. Nachdem wir in einem Supermarkt Wasser für den nächsten Tag kaufen, gehen wir essen. Schon wieder Italienisch… auf den besonderen Wunsch einer einzelnen Dame, das gebe ich zu. Aber mir fehlen hier in Spanien einfach meine Nudeln.

Morgen geht es auf eine 25 km lange Etappe, die es in sich haben soll. Papa meint, es sei auf unserer Reise die schwierigste zu überbrückende Distanz. Ob wir das schaffen? Ich bleibe skeptisch, zumal mit 80% Regenwahrscheinlichkeit für Samstag das Laufen alles andere als attraktiv werden könnte.

Was gibt es zu unserem Etappenziel Portomarín noch zu sagen? Es ist eine Stadt aus der Retorte. Eigentlich ist sie untergegangen in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts im benachbarten Stausee. Einen großen Teil der Stadt hat man seinerzeit Stein für Stein abgetragen und originalgetreu in der heutigen Hanglage oberhalb des Stausees wieder aufgebaut. Und ich hatte Papa beim Überqueren der großen Brücke über den aufgestauten Miño

noch gefragt, was das für komische Steintürme sind, die da aus dem Wasser ragen. Da derzeit Niedrigwasser herrscht, sind einige Ruinenreste des ehemaligen Portomaríns zu sehen.

Heute lebt die Stadt hauptsächlich vom Tourismus, insbesondere von pilgernden Touristen, was die große Dichte von Herbergen, Pensionen und Restaurants auf kleiner Fläche erklärt. Eine Besonderheit in Portomarín ist der Orujo. Das ist ein Tresterbrand, der angeblich hier seinen Ursprung hat und für Galicien sehr bekannt ist. Es gibt verschiedene Varianten vom Orujo. Die bernsteinfarbene Variante entsteht nach zweijähriger Reife in einem Eichenfass.

Zu seinen Ehren veranstaltet Portomarín einmal jährlich ein Schnapsfest ausgerechnet am Ostersonntag. Dann wird tatsächlich um die Wette destilliert. Papa hat sich nach längerer und abgewogener Diskussion breitschlagen lassen, so ein ortstypisches Exponat zu kosten, rein aus kulturellen Gründen wie er sagt, eigentlich hasst er Alkohol, wie ja alle wissen.

11.10. – Sarria

Es geht weiter. Eigentlich ist dies ein weiterer Ruhetag für die Beine und die Füße, und das ist auch gut so. Aber andereseits geht es heute weiter, diesmal mit dem Bus von Astorga nach Lugo und von dort nach Sarria, unserem Ausgangspunkt für den letzten Abschnitt unserer Pilgerreise nach Santiago de Compostela. Wir überbrücken mit dem Bus 151 km Fußweg.

Bevor es losgeht, stärken wir uns aber noch mit einem ausgiebigen Frühstück. Es ist schon vorab über deutlich wahrnehmbaren Lärm in der Unterkunft zu spüren, dass sich heute viele auf den Weg machen, die in Astorga für mehr als einen Tag Station gemacht haben. Wobei ich mich Frage, wie die das angehen. Über Nacht hat es stark geregnet, der Regen hält auch noch während des Frühstücks an. Die Vorstellung, mich jetzt bei dieser Wetterlage auf den Weg nach Foncebadón in das Hochgebirge zu machen, behagt mir überhaupt nicht. Als wir unsere Unterkunft kurz nach 10 Uhr verlassen, hat der Regen aber schon nachgelassen, das schlimmste scheint vorrüber zu sein.

Am Busbahnhof treffen wir aber dennoch überraschenderweise auf viele Pilger, vielleicht haben sich das doch einige mit Foncebadón überlegt. Es macht sich an den beiden geöffneten Busspuren ein richtiges Gewusel breit, es wird unübersichtlich, zumal es keine Anzeigetafeln gibt, die einem mitteilen, welcher Bus mit welchem Ziel als nächstes einfahren wird. Es zeigt sich dann, dass der ganz überwiegende Teil der Pilger nach Ponferrada fährt und damit zwei Etappen und das Hochgebirge überspringt.

Als dann sehr pünktlich unser Bus um 10.50 Uhr einfährt (und ich habe mich noch gewundert, da dieser hier immer mindestens 20 Minuten Verspätung hat), schmeißen wir unsere Rucksäcke in den Gepäckraum, müssen dann aber feststellen, dass wir mit unseren eTickets nicht auf der Passagierliste stehen. Mist! Bus ist ausgebucht. Hat unsere Buchungsplattform busbud die Buchung vermurkst? Einer der beiden Busfahrer bemerkt dann die Abfahrtszeit 10.50 Uhr auf unserem Ticket. Na, der kommt doch erst noch. Später halt. Also alles wieder ausladen und auf Start…

Ich gehe an den Schalter im Busbahnhof und erkundige mich nach der Verspätung für den 10.50-Uhr-Bus. 5 bis 10 Minuten. Na, dann. 30 Minuten sind es dann geworden. Das Boarding ist dann umso problemloser.

Trotz Verspätung muss man sagen, dass das Busfahren in Spanien das reinste Vergnügen ist. Das Ticket nach Lugo kostet für 178 km über die Internetbuchung 17 €. Dafür bekommt man reservierte Sitzplätze, eine funktionierende Klimatisierung sowie ein stabiles WLAN, mit dem Amazon-Unlimited oder Spielfilme problemlos zu laden sind. Darüber hinaus verfügt jeder Sitzplatz über einen eigenen Laptop, der wie ein PC für den Internetzugang oder für das Abspielen von Filmen genutzt werden kann. Kopfhörer werden kostenlos gestellt, sollte man die eigenen vergessen haben. Kurz überlegt: welchen Service bietet die Deutsche Bahn auf der Strecke Kiel-Hamburg bei einem Ticketpreis von 25 € in der 2. Klasse? Ähh, genau…nix. Häufiger mal Zugausfälle oder Ähnliches.

Wir steigen also in den Bus ein, allerdings sind wir hier nicht die einzigen. Vor uns betritt eine weitere Pilgerin den Bus und uns ist sofort klar, diese Mitreisende leidet an der hier sehr verbreiteten Pilgerverwirrung. Mit Day-Pack, Wanderstöcken und Wanderrucksack versucht sie, sich einen Weg zu ihrem Platz zu bahnen und bleibt dabei mit ihrem Gepäck bei fast jedem Fahrgast hängen, der sich in ihrer Reichweite befindet. Noch hat sie nicht herausgefunden, dass der Wanderrucksack zu groß ist, um ihn hier im Fahrgastraum in der Gepäckablage zu verstauen. Sie wird es aber später im hinteren Teil des Busses versuchen. Mehr oder weniger geduldig trotten wir also hinter ihr her und sind froh, dass wir nicht ganz hinten sitzen. Wir richten uns grade auf unseren Sitzen ein, als die verwirrte Pilgerin mit all ihren Sachen aus dem hinteren Teil des Busses wieder an uns vorbei nach vorne läuft, da ihr jemand netterweise erzählt hat, dass sie ihren Rucksack in den Gepäckraum legen muss. Sie entscheidet sich aus privaten Gründen dagegen, die nähergelegene Tür in der Mitte zu nehmen und läuft lieber nochmal alle am Gang sitzenden Leute touchierend zum vorderen Ausgang. Irgendwann hat auch sie es keuchenderweise geschafft, sitzt auf ihrem Platz, ihr Rucksack ist verstaut und wir fahren los.

In Lugo angekommen setzen Papa und ich unsere Rucksäcke erstmal auf einer Bank ab, ich bleibe bei ihnen sitzen, und er geht das Busticket nach Sarria kaufen. Währenddessen kommt unsere Bekannte aus dem Bus vollgepackt und unter ihrer Last ächzend auf mich zu geschwankt und fragt, ob ich Englisch spreche. Ich sage ja, und sie will sofort wissen, ob wir auch nach Sarria wollen und ob wir denn mit dem Zug oder mit dem Taxi dorthin fahren. Ich schaue sie ratlos an und antworte: Mit dem Bus natürlich. Jetzt ist sie wieder die Verwirrte. Ihr wurde in Astorga gesagt, es gäbe keinen Bus nach Sarria. Keine Ahnung, was ich darauf antworten soll, aber da kommt auch schon Papa mit den Tickets um die Ecke und ich versichere ihr nochmal, dass wir mit dem Bus fahren, bis sie sich dann auch auf den Weg macht, um sich zu erkundigen. Später folgt sie uns in ein Café, in dem wir uns mit den landestypischen Getränken (café con leche y cola cao) stärken und auf unsere Mitfahrgelegenheit warten. Nachdem diese eingetroffen ist und wir einsteigen, folgt sie uns mit in den Bus. In Sarria angekommen, geht sie sogar in dieselbe Richtung wie wir, ist dann aber irgendwann einfach spurlos verschwunden.

Wir treffen um 16 Uhr in Sarria ein, bringen unser Gepäck schnell in die Unterkunft und machen uns auf in die kleine, aber beeindruckende Altstadt, in der wir den restlichen Abend verbringen.

Morgen pilgern wir von hier aus ca. 22 km weiter nach Portomarin. Der Wettergott scheint gnädig mit uns zu sein. Im Vergleich zu heute sinkt die Regenwahscheinlichkeit von 90% auf 30%. Na dann. Insgesamt liegen noch 114,854 km bis Santiago de Compostela vor uns.

10.10. – Astorga 2.0

Mit dem Ende des gestrigen 2. großen Abschnitts (Zamora – Astorga) haben wir seit Beginn unserer Pilgerreise in Salamanca insgesamt 204 km zurückgelegt, davon 147 km zu Fuß. Insofern haben wir diesen Ruhetag heute im wahrsten Sinne des Wortes ruhig und ohne größere Aktivitäten verbracht.

Nicht nur beim Frühstück fällt auf, dass wir nicht mehr allein sind. Nicht so wie auf der Via de la Plata, auf der wir tagelang keiner Menschenseele begegnet sind. Und es ist auch nicht so, dass nur die Deutschen im Ausland immer negativ auffallen. So treffen wir überwiegend auf englischsprachige Pilger, meistens auch eher lebensälter.

Ausschlafen, ausgiebiges Frühstück, Wäsche, das sind die üblichen Themen an einem Ruhetag. Um keine kulturellen Defizite aufkommen zu lassen, suchen wir mittags die Kathedrale und den Bischofspalast auf.

Der Bischofspalast wurde 1913 fertiggestellt, ein Bischof ist dort aber nie eingezogen. Besser ist das, denn dieser wirkt fast noch prunkvoller als die benachbarte Kathedrale.

Heute ist dort ein Pilgermuseum untergebracht. Es wird mittels Skulpturen und Gemälden die Geschichte der Diözese und die Bedeutung Astorgas für das Pilgerwesen beim Zusammentreffen zweier bedeutender Pilgerwege beschrieben.

In der anschließenden Kathedrale einschl. Museum lassen wir uns vom Audioguide von Station zu Station geleiten. Obwohl es der gleiche deutsche Sprecher ist wie in den Kathedralen von Salamanca und Zamora, hatte er doch diesmal sichtlich Mühe, den Text abzulesen. Sachen gibt’s. Hervorzuheben ist hier der besonders prächtige Hauptaltar.

Da wir es ruhig angehen am heutigen Ruhetag, schöpfen wir nicht alle Möglichkeiten aus. So besuchen wir weder das Schokoladenmuseum (im 18. und 19. Jh. war Astorga das Zentrum der spanischen Schokoladenindustrie aufgrund der Kakaoanliefering über die galicischen Häfen) noch das romanische Museum direkt am Plaza Mayor, das noch Überreste eines Gewölbes beherbegt, das zur römischen Arena direkt an der Stelle des heutigen Plaza Mayor gehörte. Auch widmen wir uns nicht dem Buttergebäck, das hier an jeder Ecke zu sehen ist und können somit diesen bedeutenden Industriezweig Astorgas derzeit nicht unterstützen 😉

Die nächste Etappe von Astorga aus gesehen führt mit 25 km nach Foncebadón auf 1.439 m hinauf. Die Überquerung der Gebirgskette westlich von Astorga, die Montes de León, ersparen wir uns aber, ebenso die darauffolgenden Etappen nach Ponferrada, Villafranca del Bierzo, La Faba, Triacastela und Sarria. Das würden wir mit dem uns zur Verfügung stehenden Zeitkontingent nicht schaffen. Und nur für eine Gebirgsetappe extra Bergausrüstung mitschleppen ist dann doch ein bisschen viel. Diesen Teil werde ich mir mal zusammen mit dem Camino Francés, ggf. von León aus vornehmen.

Zudem schlägt das Wetter jetzt um. Heute ist es schon bedeckt gewesen mit Temperaturen von 6° bis 20° C. Am Donnerstag wird es mit 80% Regenwahrscheinlichkeit sicher nass. Aber wir sind weit entfernt von dem Unwetter, das gestern über Katalonien und die Balearen hinwegfegte.